House on the hill

November




Flieder und Forsythia, Ostersträucher blühen.
Alle sind sich einig: S hat das beste Haus im Block gefunden und wir werden hier wohl nie wieder ausziehen, wenn uns nicht jemand rausschmeisst.

Meerschwein Lemmie Kilmister liegt in ihrer Schaukel und wälzt sich. Wir sind uns sicher: Lemmie wurde als Jungsschweinchen gekauft, ist aber ein Mädchenschwein mit viel Charakter.

Wir machen endlich mal wieder Ausflüge die länger als 3 km vom Haus entfernt ist.  Im Vic-Market,  gibt es die besten Wiener beim polnischen Fleischer und in Kilda gibt es den besten deutschen Mohnstrudel.



 



 

Momentan ist eine grossartige Zeit um Menschen auf Cupcakes und Linsensalat zu treffen, Gäste kommen aus dem Umland und von um die Ecke: alle müssen raus aus ihren vier Wänden.








Ende November hab ich schon fast alle Weihnachtseinkäufe erledigt.
Einen ganzen Tag in der Mall verschwendet; es regnet sowieso den ganzen Tag und ist kalt.

Die Weihnachtseinkäufe sind auch notwendig, ich kaufe Geschenke in Vertretung der ganzen Familie vor Ort, da Pakete und Päckchen im Moment 3 Monate brauchen, manchmal fühlt man sich auf dem Vormarsch ins Mittelalter.

Der Rest des Novembers besteht aus wheel of time schauen und grillen.

 





 

 

 Dezember




Mein Salat ist fertig zum Ernten.

Keiner von uns hat Lust dieses Jahr Weihnachten wegzufahren. Wir wollen lieber rumfaulen und baden gehen. Während andere Menschen dieser Erde Coronakoller  haben und jetzt so viel wie möglich aus dem Haus müssen, sind wir von Übergangslösung zu Zwischenlösung gezogen und sind jetzt froh dass wir auf unserer Veranda sitzen und die Papageien beobachten können.
Die Nachbarn sind in den Weihnachtsferien und haben uns währenddessen  ihren Pool zur Verfügung gestellt.

Wenn wir wirklich wegfahren wollten, währe es jetzt sowieso zu spät etwas zu finden. Jetzt nachdem der Lockdown vorbei ist herrscht auf Airbnb Anarchie.



Das Ende des Lockdowns hat andere Vorteile, wir parken das Kind bei B&J und gehen ins Kino, um Dune zu sehen. Ich habe als Teenager alle 8000 Bücher gelesen, daher nervt mich keine der Verfilmungen, aber S schläft während der ausgedehnten Start- und Landeszenen verschiedener Raumschiffe mehrmals ein. Wir sind relativ geteilter Einstellung über die Qualität des Films und stimmen einander zu, verschiedener Meinung zu sein.

Tanzen gehen ist diesen Monat ein Highlight, ein Freund legt auf und nimmt mich mit, leider werden alle beteiligten Partypeople sehr schnell müde oder betrunken, unserem Alter entsprechend; und ich bin die einzige die noch Tanzstamina hat. Der kleine Barkeeper im Alter ihres Sohnes verbietet meiner Freundin die Shots, weil sie ihm zu betrunken vorkommt. Danach hat sie auch keine Böcke mehr und wir ziehen all nach Hause auf die Veranda zu B&J um mitten in der Nacht laut Musik zu höhren, bis die auch alle einschlafen. Zwischen den ganzen Schnarchnasen verliere ich die Lust und radel nach Hause.

Das Kind hat so viele Weihnachtskalender aus den letzten Jahren übrig, dass wir keine Neuen brauchen, sondern die jetzt erstmal aufmachen. Keiner von ihnen hat Schokolade dank der verantwortungsbewussten Großeltern, aber alle haben verschiedene Geheimnisse, biologische/physikalische/chemische Wunder.  Wir  schaffen wieder nur die erste Hälfte und lassen den Rest der Kalender für das nächste Jahr. Ich fühle mich schlecht, nur 90% meines Tages widme ich der intellektuellen Verbesserung meines Kindes; kein Wunder, dass er zurückbleibt und später Müllfahrer werden muss.




Weihnachtskarten sind alle gedruckt und geschrieben, mal sehen wie lang die brauchen.
Der Weihnachtsbaum wird dieses Jahr spät aufgestellt, bei den Temperaturen fehlt das Weihnachtsgefuehl aber mit genug Mariah Carey und Wham wird das wieder grade gebogen.



Für Leberwurst und Weihnachtswiener waren wir schon Wochen vor Weihnachten auf der Jagd, nachdem wir 2 Wochen lang die Wiener für die Weihnachtsparty gesampelt hatten, hatte am 25. eigentlich niemand mehr Appetit darauf.


Da wir hier keine Familie haben feiern wir den 24./25. bei Freunden. Traditionell ist hier der 25.der grosse Familienpartytag. Ich helfe früh schon die Tafel bei B&J aufzustellen. Die beiden haben eine extra grosse Familie und laden zum 25. immer noch weitläufig Freunde ein.
Vor ihrem Reihenhaus haben sie einen kleinen Park, dort kommt die Weihnachtstafel hin und vom Balkon im ersten Stock legt J auf, um den  restlichen Park mit elektronischer Musik zu beschallen. Das stört,  hoffentlich niemanden da die meisten Nachbarn ziemlich jung sind und bei ihren Familien feiern. 

Es beschwert sich jedenfalls niemand.
Schon nach drei Stunden sind wir alle so voll mit Cocktails, Braten Kartoffelsalat, Kuchen und noch mehr Cocktails dass sich niemand mehr bewegen kann und alle zu Verdauungsrauchern werden, obwohl sie vor 30 Jahren damit aufgehört haben.
Auf halbem Weg bekommen wir Verstärkung durch einen Mann in den Dreißigern, der aus Plastiktüten lebt. Er erklärt den Kindern, wie man Meth streckt, und zeigt uns, wie man stundenlang Unterhaltungen mit sich selbst unterhaltsam hält und auf interessante Weise tanzt. Von oben hört man die Partycrowd hollern, es gibt einen Startschuss und alle Kinder stürzen sich unter Geschrei auf Geschenke; die Geschenkpapierfetzen fliegen…nach 7 Stunden brechen alle übriggebliebenen Gäste leblos auf den Sofas zusammen. Um neun wird das Licht ausgeknipst. J und ich schauen die letzte Folge Wheel of time und schlafen lauthals ein.


 

Danach gehts zu E. ans Meer.
Nachdem wir unser Kind mehrmals bei B&J geparkt haben ist er VR-crazie und die VRbrille ist ihm inzwischen im Gesicht angewachsen. Nichts was man nicht mit ein paar Tagen Strand und Fahrradfahren unter vielen Beschwerden wieder geradebiegen kann. Beim Schlammburgfight und   auf dem Boogieboard im Salzwasser vergisst man all seine Probleme.












Silvester ist so heiss dass die Hälfte unserer Gäste nicht aus ihrem Haus wollen und unsere Party kleiner als angenommen wird. Wir haben eine Klimaanlage! Trotzdem hängen wir alle im Kiddiepool. Bleigiessen kennt hier niemand und alle sind begeistert, dass ich Blei-Wax-Wahrsagepäcken aus Deutschland mithabe. 2022 kommt, ob wir wollen oder nicht.
Das mit dem: “es kann nur besser werden” ist so 2021. 



Januar


 



Januar ist in Melbourne traditionell der langsamste Monat im Jahr, die meisten Kaffees und Bars sind zu. Das macht in  coronagerüttelten Zeiten alles noch dröger.  Melbournians ziehen im Sommer alle in ihre Strandhäuser, oder sonst irgenwohin aufs Land oder nach Bali. Für alle die keine Strandhäuser besitzen ist das unbefriedigend.  
Neujahrsvorsatz: wir brauchen ein Auto!
Das Ding mit den Autos im Moment ist die Chipkrise. Neuwagen sind Mangelware weil die Hersteller unter dem Halbleitermangel leiden der hauptsächlich wegen politischer Spannungen zwischen China und Usa ausgelöst wird. Da es nicht ausreichend Neuwagen gibt, und wegen Unsicherheiten aufgrund Coronas verkauft momentan niemand seinen Gebrauchtwagen solange er noch in gutem Zustand ist. Deshalb gibts im Moment nur alte Schmetten. Wir haben ja Zeit um zu suchen.
Ich würde allerdings schon gern mal irgendwann aus der Stadt raus campen fahren.




Weitere Vorsätze fürs Neue Jahr: keinen Alkohol mehr trinken und Geld sparen; die Vorsätze halten offensichtlich bis der Neujahrskater weg is.
Ferienspiele kosten 60-100$ pro Tag, soviel zum Geld sparen. Da müssen wir wohl oder übel beim Amt melden um wenigstens einen kleinen Betrag zurückzubekommen. Der Papierkrieg hier läßt sich allerdings nicht ansatzweise mit dem in Deutschland vergleichen. Wir haben nach einem halben Jahr in Australien immer noch Trouble mit der Krankenkasse in Schland. Die glaubten uns nicht, dass unser Kind zur gleichen Zeit wie wir nach Australien gezogen ist. Und die GEZ, die immer die ersten sind die wissen wann man sich wo aufhält, hat im Dezember immer noch Gebühren abgebucht. Das alles obwohl ich mich vorschriftsmäßig zum normgerechten Zeitpunkt abgemeldet und Bescheid gesagt hatte.

Zum Soundtrack von Rostam werden alle guten Vorsätze in die Tonne gekloppt und ne Flasche Gin gekauft. Mit dem Kind mach ich jetzt selber Ferienspiele; endlich schaffen wir es zum Melbourne Museum, da erneuere ich meine Membership, denn die gilt gleich noch fürs Science Works. Wir fahren zum Sea life, wo wir Rochen und Haie von unten bewundern, ins Legoland, was sich im grössten Shoppingcenter der südlichen Hemisphäre befindet und ins Acme, da können wir kostenlos Videospiele zocken.
Nach einem Ausflug in die Stadt kommt uns eine Kolonne Nackt-Fahrradfahrer entgegen, da schaut das Kind weg, das ist ihm peinlich.
 

 




Wir schaffen es endlich mal wieder in die NGV Kunst ansehen, das Kind langweilt sich. Ausserdem  bekommt das Kind ein neues Fahrrad. Unter stöhnen muss er jetzt überall hin mit uns strampeln, und das obwohl er doch viel lieber Minecraft zocken würde.




Das Tierleben hier auf dem Hügel ist extrem vielfältig und interessant. Da wir in der Nähe vom Creek wohnen und den Park gegenüber haben, befinden wir uns in einer kleinen Oase. Nachts die Grillen, Fledermäuse, und Possums und tagsüber alle Arten komischer Vögel.
Am meisten mag ich die australischen Magpies sind so ikonisch für die Landschaft von Viktoria. Ich hab nachgeschaut, die deutsche Übersetzung ihres Namens ist Flötenkrähenstar. Das ist passend, genauso klingen die auch. Mit Elstern Krähen oder Staren haben sie  nichts zu tun, ausser dass ihr Gefieder schwarz und weiss ist. Wissenschaftler gehen aber inzwischen davon aus, dass die Ursprünge der Singvögel hier in Australien liegen. Deshalb stelle ich mir vor dass alles Vogelgezwitscher aus dem archaichen Ofenrohr-gekrähe der Magpies hervorgegeangen ist, und muss lachen. 


https://www.youtube.com/watch?v=kKtbmSVktCY

 



Schlangen hab ich noch keine gesehen, aber ich bin mir sicher, mit dem Creek vor der Haustür haben wir  auch ein paar davon.

Schweinchen DiDi Ramone hat plötzlich einen dicken Bauch. Zu viel Löwenzahn gegessen? 




Februar

 



Meine Midlifecrisis sagt mir, dass ich einen Pathfinder brauche, 4x4 mit Bullbar, Schnorchel und CB-Funk. S ist von der Idee sofort begeistert, jetzt müssen wir nur noch einen finden. Einen Hilux haben wir schon angeschaut, aber die getrennte Kabine ist nicht meins, ausserdem ist der Fussraum fürs Kind nicht so pralle.
Ein Pathfinder hat im Hinterraum noch eine extra Reihe ausklappbarer Sitze, das würde das Auto sofort zum Partymobil machen. Im Moment gibt es allerdings nur Schrottkarren zu horrenden Preisen auf dem Markt. Wir machen Probefahrten mit jedem Pathfinder den wir finden können, die Hälfte, die in ordentlichem Zustand ist, lassen wir von Mechanikern prüfen und bekommen nur Stirnrunzeln zurück. Niemand will im Moment seinen funktionierenden 4-Wheel-Drive gegen etwas Neues eintauschen, der Markt ist leer.  Wir haben ja Zeit…

 




Das Kind möchte jetzt Taschengeld haben. Neben der Schule hat ein neues Kaffee aufgemacht, alle kleinen Minis stürmen da hin, um sich aufgeschäumte Milch machen zu lassen. Leider gibt es hier weder Eiscreme noch Milkshakes.
Zur Eröffnung legt ein verloren dreinschauender ZoomerDJ auf, mal sehen wo das noch hingeht.

 




Lemmie Kilmister ist ein Junge, Ende des Monats bekommen wir 4 goldige Meerschweinbabies.
So was unkompliziertes hab ich überhaupt noch nicht gesehen. Ich wünschte mein Kind wäre aus dem Bauch gekrabbelt und rumgelaufen als wärs schon immer da gewesen; hätte reden können und nach drei Tagen schon selbstständig gegessen. Obwohl, das mit dem gleich reden können lassen wir lieber.
Eins der Babys war eine Todgeburt, das Leben ist kein Ponnyhof. B hat im Garten eine kleine Bestattung gemacht und freut sich über die restlichen vier. Denen geht es Gut .
Nicht so schön ist, dass Lemmie Kilmister jetzt so schnell wie möglich Kastriert werden muss und bis dahin nicht mit in den Käfig zur restlichen Familie darf. Er sitzt den ganzen Tag neben dem Käfig und  trauert der DiDi hinterher. Wenn wir die beiden allerdings zusammen lassen is nix mit kuscheln, da ist gleich wieder Baby-Business. Also erstmal Zwangstrennung.


 








Am nächsten Tag stellen wir mit Schrecken fest, dass es eine Ratte ins Haus geschafft und Lemmie gebissen hat. DiDi und die Babys sind durch den Käfig geschützt, aber Lemmie sitzt in seiner Box offen daneben. Das arme Schweini ist ganz verschreckt und kommt in der nächsten Nacht mit zu uns ins Schlafzimmer.
Die folgenden Tage sind wir beschäftigt alle Löcher mit Rattengift zuzuspachteln und das Haus generell Ungeziefersicher zu machen. Im Baumarkt beim Nagergift steht eine Traube von Menschen die alle von Ratten erzählen. Wegen der schwülen Hitze und vieler offener Türen ist das Getier im Moment in der ganzen Stadt ein Problem.
Lemmies Wunden entzünden sich und der arme muss ein Antibiotikum und ein Antimykotikum nehmen, das scheint ihn aber nicht zu stören, die Medikamente sind wie Heroin, sobald er sie riecht, ist er da und schleckt brav alles weg, bis es alle ist.
Die Kastration muss deshalb allerdings um zwei Wochen verschoben werden, und danach muss er nochmal sechs Wochen Abstand von der DiDi  halten, da er immer noch scharf schießen könnte. Die arme Meermaus.

 

 


 

März





Anfang des Monats finde ich ein Flugblatt für ein Nachbarschaftsmeeting in unserem Briefkasten. Da wir ernstzunehmende und ordentliche Mitglieder des Viertels sind nehmen wir unsere Verantwortung ernst und gesellen uns am benannten Tag pflichtbewusst zu den  ältlichen Damen die für die Nachbarschaftsentwicklung verantwortlich sind. Erwartungsvoll harren sie an beschriebener Adresse aus. Es geht um den Park auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Der Vorschlag der Verantwortlichen Stadtentwickler ist: den bestehenden Minifussballclub auf die Grösse einer Nationalmannschaft auszubauen. Das schreit nach Korruption. Auch wenn die Anschuldigung nur im Raum steht, wird sie sehr ernst genommen. Gestandene Hausmuttis heben ihre Stimmen und am Ende droht der Trainer mit Dresche. Das nenne ich Lokalpolitik. Ich werfe mir mit S über die Köpfe der aufgebrachten Menge Blicke zu, ich muss mir ein grinsen verkneifen.  
Der Fußballclub hat eine riesige Bar, die Hälfte hätte es auch getan. Dann wäre auch noch ausreichend Platz für die geplanten Umkleiden und es müssten für die Pläne nicht mehrere große alte Gumtrees abgeholzt werden. Sowas plant man nur, wenn man so viel Geld wie möglich, möglichst schnell unterbringen will.
Endlich lernen wir all unsere Nachbarn kennen, nach vollbrachter Arbeit gibts noch ein Sausage Sizzle, ein BBQ auf dem Sportplatz.
Gerade als ich die Nachbarschaft so idyllisch finde, kommt ein schreiendes Mädchen auf mich zu, die sich als gestandene Lokalpolitikerin herausstellt.
Das Politikmädchen/Frau unterstellt mir um jeden einzelnen Baum zu trauern, und ich überlege angestrengt, wo sich hier die Anschuldigung versteckt.
Das wäre eigentlich ihr Job, wenn sie und ihr Mann, wie sich herausstellt, ihre Jobs im Rathaus nicht von ihrem korrupten Vater bekommen hätten. Der baut Sportplätze in Ausmaßen, bei denen man es nicht mehr merkt, wenn einem Geld hinten runter fällt. Ich versuche mich unter Vorwänden von ihr wegzustehlen und gebe anderen Menschen die Chance sich mit ihr auszutauschen.
Ich esse meine Wurst lieber in Ruhe.

 

Die Meerschweinbabys werden immer grösser und brauchen neue Familien.
nachdem wir festgestellt haben, dass Sie alle Jungs sind, dürfen sie beim Lemmie wohnen und die DiDi hat für eine Weile ihre Ruhe. B verteilt  in der Schule tapfer Flugblätter obwohl er sie lieber selber behalten würde. Eine Lehrerin erzählt uns von einer Meerschweininfestation vor einer Weile, und dass das wahrscheinlich der Grund ist, warum der Markt hier gerade ein wenig Übersaettigt ist. Ein paar Kinder hatten ihre Schweinchen zusammen “spielen” lassen; Ich bekomme einen roten Kopf und hoffe insgeheim, dass unser wirklich alles kleine Jungs sind. Meerschweinchen können ab einem Alter von 3 Wochen Geschlechtsreif werden, und Inzest wird in Meerschweinkreisen nicht wirklich missbilligend angesehnen…




Noch ein Grund  Lemmies Kastration voranzutreiben, allerdings muss er danach immer noch 6 Wochen getrennt von DiDi wohnen. Die Babys kommen in supernetten Familien unter, und Lemmie und DiDi sitzen immer noch in getrennten Wohnungen. Es ist herzzerreißend, dann bekommt er kreisrunden Haarausfall weil er der DiDi so nachtrauert. S entscheidet er kann das alles nicht mehr mit anschauen und lässt die beiden nach 5 Wochen zusammen. Was für eine Freude!




Das Kaffee um die Ecke hat inzwischen auf Icecreme und Milkshakes umgestellt, superschlau, wenn man eine Schule neben sich hat.

 



Ende des Monats  kaufen wir uns endlich ein Auto. Nachdem wir jeden Pathfinder in Melbourne und Umgebung probegefahren haben, entscheiden wir uns dagegen. Zu Corona ist inzwischen ein Krieg dazugekommen, nun sind überhaupt keine okayen gebrauchten 4x4s von vor 2010 mehr zu finden.
Ich bin der Meinung, vor 2010 sahen die Geländewagen noch nicht wie rundgelutschte Bonbons oder Panzer und Muttiautos aus, sondern wie was, was Indiana Jones gefahren hätte.
Ohne Alternativen entscheiden wir uns für einen Nissan Xtrail ohne Bullbar CBFunk oder Nebelscheinwerfer. Vielleicht kann ich das ja Nachrüsten lassen, auf jeden Fall sind wir fertig fürs campen!

 


April

 

 


Freunde renovieren ihr Haus und wir helfen dabei. Die Gentrifizierung in Melbourne hat viele Gründe, aber wie schnell und stetig die Immobilienpreise in den letzten Jahren gestiegen sind, ist immer wieder schockierend. Inzwischen wird auch nach oben gebaut, aber nur für ein paar Jahre. Das Grundgefühl, das Melbourne vermittelt, ist das einer Gartenstadt, und das hat uns schon immer angezogen. Die überwiegende Existenz von Reihenhäusern mit Gärten sorgt aber auch dafür, dass sich die Stadt wie ein Pfannkuchen oder Durchfall auf Beton ausbreitet.
Steigende Mieten und die Verdrängung zahlungsunkräftiger Bevölkerungsschichten sind in keiner normalen Großstadt der westlichen Welt mehr ein Geheimnis, aber vor zwanzig Jahren kannte man die Verdrängung normaler Mittelstandsfamilien in die Randbezirke der Stadt nur aus London bzw. New York.  Inzwischen wohnen die meisten unserer Freunde in Gegenden mit dämlichen Namen wie „Dear Park“,  in denen der Name ganz und gar nicht Programm ist und die mit dem Fahrrad schwer zu erreichen sind.
Das Haus was wir renovieren helfen befindet sich gegenüber unseres alten Hauses in unmittelbarer Stadtnähe. Die Gegend ist immer noch sehr Jung, aber wir sind zu alt. Hier gibt es nur vollgepißte Laneways kotzende und grölende Partygänger in der Nacht und keine guten Schulen. Nicht in der Goldilockzone für Familien mit Kindern. Uns stört es nicht, dass wir von hier weggezogen sind, nur B. schaut ab und zu traurig hinüber.

Es ist offiziell Ostern, allerdings sollten wir  lieber Erntedankfest zu feiern, es ist Herbst und das Wetter kühlt merklich ab.
Maskenpflicht besteht immer noch. Ich stelle fest dass Coronamasken grossartig sind, wenn man tagsüber mit Freunden ein Weinchen trinkt, dann das Kind abholen muss und nicht allen anderen Elernteilen seine Fahne ins Gesicht schlagen will.  Noch dürfen alle von zu Hause arbeiten, Es lebe Corona und Daytime-drinking.




S baut kräftig einen riesigen Käfig für die Schweine, weil wir in den Urlaub fahren wollen und die beiden ja trotzdem Auslauf brauchen. Ein Freund füttert, aber ich glaube nicht, dass es sein Ding ist, die beiden sauber zu machen. Dann bleibts halt zwei Wochen lang dreckig.



Zwei Wochen Urlaub auf dem Land. Der erste Schock kommt, als wir feststellen, dass wir, je weiter wir aufs Land fahren, das kleinste Auto besitzen. Und wir dachten, wir wären Umweltschweine, obwohl jeder einzelne Bogan hier draußen einen größeres Auto hat als wir, was würde Greta dazu sagen?!



 

 
Echuca Zeltplatz: Niemand hat hier ein Zelt, wir stehen verloren zwischen Rv’s und Wochenendhäusern, allerdings findet B schnell heraus, wie man den Gemeinschaftsfernseher auf Utube umstellt und findet dadurch schnell Anschluss.
Wir fahren mit dem Raddampfer auf dem Murrey und haben gleich den idealen Tag erwischt. Die zweite Brücke der Stadt wird mit Feuerwerk, Salven und grossem Pompom  eingeweiht, während wir auf dem Wasser sind. Alle Raddampfer Australiens haben sich zu einem großen Treffen versammelt, von den kleinsten Familiendampfern bis zu den größten ehemals industriellen zuckeln sie alle vor sich hin und tuten sich gegenseitig an. Echucas Altstadt ist ein Museum, interressant, aber nicht sehr groß. Die umliegende Gegend besteht aus Feldern und angemalten Wasserspeichern. 


Endlich haben wir das entsprechende Auto um im Busch zu campen, wir fahren Stunden durchs Unterholz um anschliessend im Busch am Murrey zu campen. Die Stelle ist gut, aber ich hatte in den Jahren vergessen wie wenig der Murrey meine Art von Landschaft ist, der Boden ist karg und staubig und generell nur ein Schlammloch.



Swan Hill ist ein Loch, wir halten in der Museumsstad.Das macht dem Kind Spass. Der Zeltplatz hat einen Pool, Kinderanimation eine Miniarcade und Minigolf aber keine Zelte, nur Rv’s und Campinghäuser. Sind Zelte während Coronazeiten ausgestorben?

Auf dem Weg begegnen uns verarmte Städtchen, Farmerskunst, viele Milchprodukte, Roadhouses und ausgestorbene Landschaften.
Wir machen in Hattah Kulkyne halt und freuen uns ueber die schoene Landschaft, endlich weg vom Murrey, kein grosser Verlust. Es ist extrem leer hier, zu Ostern hätte ich mit eine erdrückenden Welle anderer Camper gerechnet, die uns alle unseren Platz streitig machen wollen, aber es ist so gut wie niemand hier. Keine Boganfamilien mit riesigem Anglerzubehör und quietschenden Yutereifen.  nur ganz oben hinterm Busch spielt den einen Abend eine Familie mit vorderasiatischen Wurzeln ein bisschen Eurotrashdisko, aber damit könen wir leben.


 

Zu Ostern werden unsere Lebensmittelvorräte knapp und wir versuchen einen Laden in der Umgebung zu finden. Die Handvoll Roadhouses in hundert Kilometer Umgebung haben alle geschlossen, nur eine Tankstelle hat offen. Ich kaufe Milch und Mehl; Eier gibts nicht mehr. Irgendwie werden wir schon überleben, solange das Bier und der Kaffee nicht ausgeht, lässt es sich auch mit Corflakes und Mehlfladen überleben.

 

Ostern ist vorbei und wir ziehen weiter nach Mildura. Hier kennen wir jede Sackgasse, denn hier haben wir auf einer Farm vor 15 Jahren gearbeitet. Wir sind seitdem das erste mal wieder hier und unser ehemaliger Farmboss besteht darauf, dass wir bei ihm schlafen. Mit Sightseeing sind wir schnell durch, so viel gibt es hier nicht zu sehen. Wir versuchen unsere alte Farm zu finden aber alles ist anders. Der Besitzer ist ein anderer und von den Orangen, dem Wein, und den Avocadobäumen steht nicht mehr viel.


Das Kind ist begeistert, unser ehemaliger Boss hat seine Enkelkinder da und alle spielen erfolgreich Minecraft, was für ein kulturell anspruchsvoller Urlaub. Aber mehr als entspannen und gutes Essen ist hier auch wirklich nicht zu tun, die Sandstrassen sind vom vorübergezogenen Regen aufgeweicht, deshalb ist es unmöglich für uns nach Mungo weiterzufahren und wir bleiben in Mildura.

 






 

Mai

 






Das Kind ist das erste mal auf Klassenfahrt. Ich gehe durch Phasen der Panik, dann Entspannung. Wir kommen nicht einen Tag seiner Abwesenheit vor um drei ins Bett, S hätte gleich Urlaub nehmen sollen. Den ersten Abend sampeln wir alle Rooftopbars der Innenstadt, was ein extrem reichhaltiges Unterfangen ist, und leider zu Kopfschmerz am kommenden Tag führt. Den nächsten Abend verbringen wir bei Freunden, dann ist er auch schon wieder da.
Freitags hole ich das Kind völlig übermüdet aber glücklich vom Bus ab.
Es bekommt Lob von der Lehrerin für gute Führung.

Das Kaffee neben der Schule hat inzwischen auch am Wochenende auf und hinten eine Freisitz angebaut, jetzt braucht’s nur noch eine Lizenz. Ich glaube das wird noch was in der Nachbarschaft.




Das nächste Wochenende ist Wahl, und bekanntlich ist in Australien Wahlpflicht, wenn man nicht hingeht muss man Strafe bezahlen. Das sparen wir uns, bis jetzt haben wir allerdings nur postalisch gewählt. Diesmal ist das erste mal Wahl in Persona. Da wir schon gehört haben, dass es Sonnabends busy sein kann gehen wir am Donnerstag Mittag schon wählen, das hat sich allerdings auch halb Northcote und Brunswick gedacht. In der Zeit wählen zu gehen in der jeder Mittagspause hat, ist näher betrachtet keine so brillante Entscheidung. Die Schlangen gehen meilenweit die Strasse entlang und um die Ecke. Bewegen sich allerdings erstaunlicherweise superschnell; bevor ich noch einen Kaffee holen kann ist S schon fast zur Wahlurne vorgerutscht. Ausweis und Pass ist nicht notwendig, Name und Adresse reichten und man wird wie die Kuh zur Tränke an lange Wahlbänke die nicht allzuviel Privatsphäre bieten gedrängelt. Die Wahlzettel sind ellenlang. 

 

 




Das System funktioniert so, dass man mehrere Prioritäten hat, wenn die erste Partei, der man seine Stimme, gibt nicht gewählt wird, rutscht die Stimme zur nächsten Partei die man angibt weiter und so weiter. Nachdem das Wahlbusiness erledigt ist gibts draussen noch eine Wurst vom Saussagesizzle, der als Anreiz dient dem Bürger die Wahl schmackhaft zu machen.
Am Samstag haben wir uns dann in der Schule zum Würstchen braten und für den Kuchenstand angemeldet.


Ich kann mich erfolgreich drücken, da ich noch Braten und Rotkraut für den Abend auf dem Herd hab. S&B müssen allerdings zur Schule, braten und verkaufen. Australische Bräuche sind so sympathisch.


 

Abends haben wir Gäste die das typische deutsche Wohlfühltreatment von uns bekommen. Klösse mit Braten. Kübelweise Soße und Rotkraut. Alle gehen mit schwererer Gischt und Diabetes nach Hause, sind sich aber einig, dass es das wert war.
Inzwischen ist es hier in Melbourne auch wirklich kalt in Europa herrscht Krieg,warmes fühlgut Essen ist also notwendig.


 

 

Juni

 







Das Wetter ist Wetter scheußlich. Nachts sitzt in der Wand  am fußende meines Bettes eine  
Ratte, nachdem wir ihr Rattengift anbieten sitzt sie da nicht mehr.

Am kürzesten Tag des Jahres machen wir ein Feuer und jeder wünscht sich etwas fürs nächste Jahr.
Alles ist hier umgedreht. Während in Europa die Wälder brennen und eine Hitzewelle die andere jagt ist hier Winter und ein neuer Jahreszyklus beginnt.



 

Freunde schenken uns einen wundervollen Wochenendtrip mit Sternemenue auf einem Weingut auf dem Land.
Am meisten genießt das unser Kind, und
bekommt endlich mal Ferien von uns.

 



 

Juli

 

 

 


Unsere besten Freunde ziehen für ein Jahr nach Perth, um uns von unserem Alter und Missmut abzulenken schmeiße ich zu meinem Geburtstag eine “Weihnachten im Juli” Party; mit Weihnachtsbaum und Geschenken. Wir sitzen bis in die Morgenstunden, alle sind sich einig dass es ein Erfolg war.

 


 

 Tanzen will allerdings keiner. 
Ich berufe einen Notstandstanzabend ein, alle sind sich einig, man muß das öfter machen, machen tuts dann aber auch keiner.
 

 


Winter in Melbourne ist unfassbar dröge, nichts passiert, alle verstecken sich in ihren schlecht isolierten Häusern.

In Deutschlnd sind alle in der Sommerpause kein Micki Beisenherz Podcast, sondern nur updates vom Leipziger Partyvolk auf welchen Festivals sich alle herumgedrückt haben; superdeprimierend. Da bleibt mir nur Sandman zu schauen. Als unüberbietbarer Fan der Comics trägt mich das ein Stück durch den Winter.

Die Gasrechnung kommt zurück, ausgesprochen hoch. Ich will gar nicht wissen, was in Deutschland diesen Winter passiert. 

 


 


Zwischenzeitlich gibt die Regierung bekannt dass die Elektrizität jederzeit ausfallen kann, da die Stromanbiieter kein Interesse mehr auf Wettbewerb haben. Die erste Welt ist am offiziellen Ende angekommen.
Wegen Überschwemmungen in Queensland kostet der Salat 16$, ich hab glücklicherweise noch welchen im Garten. Solange Putin keine Atomwaffen zündet ist der auch lecker.