
Das Radio bleibt früh aus, nach dem Einmarsch in Gaza erträgt S keine Nachrichten mehr. Es dürfen nur noch Verkehrsnachrichten gehört werden. Da MDR Info außer Fußball, den ich nicht leiden kann, nur noch Israel Updates sendet, müssen wir lokales Radio hören, da gibt es Informationen über das Wetter, Haustiere und seltsame Hobbys, nice. Je älter man wird, desto weniger kann man mit den Unwirren der Welt umgehen. Man war immer der Meinung, die Welt würde sich in eine besser entwickeln, dem Glück der Menschheit entgegen. Dass Entwicklung auch rückläufig sein kann, das ist schwer zu hören und zu begreifen. Außerdem hat man nicht mehr so viel Zeit, um zu sehen, wie sich die Welt in das perfekte Utopia verwandelt, das einem beim Pioniernachmittag versprochen wurde.
Dass die Entwicklung auch mal rückwärts geht, schwer zu
Hören und zu begreifen. Entfesselter Kapitalismus ist so hart zu ertragen wie der Versuch, eine
Tüte Chips lautlos zu öffnen, während man im Kino sitzt.
Als ehemaliger Jungpionier und Kind der 90er dachte ich
damals etwas blauäugig, dass Kriege so out wären wie die Frisuren aus
den 80ern. Dabei war das nur eine ungewöhnlich ruhige Phase, in der sich
die Weltmächte sammelten, um zum nächsten großen Schlag auszuholen.
Selbst wenn S. hartnäckig darauf pocht, dass die 90er voll von Kriegen
wie Kroatien und dem Golfkrieg waren, scheint meine Erinnerung wohl etwas rosarot eingefärbt zu sein. Wahrscheinlich war es am Ende
doch nur eine besonders gute Zeit für Tamagotchis und Holzfällerhemden.

Auf unserer Halloween-Feier ziehen B. und sein Freund gemeinsam um die Häuser in der Nachbarschaft. J. hat sich als Zombie verkleidet, während B. der Terminator ist. Um B.s Look zu perfektionieren, male ich ihm ein erstklassiges zerschossenes Metallauge, leihe ihm meine Lederjacke und er verpasst einer seiner Nervpistolen einen schwarzen Anstrich - voilà, das perfekte Kostüm ist geboren. Ein wenig betrübt entscheide ich mich dazu, die beiden Jungs alleine losziehen zu lassen. Sind die schon so alt …?
Stattdessen verteilte ich erstmals Schokolade an Kinder anderer Leute und lade ein paar Freunde ein. Meine Halloween-Deko besteht aus Schattenfledermäusen, die ich aus schwarzer Pappe ausgeschnitten hab und einem Eulenskelett. Kinder mit besonders beeindruckenden Kostümen erhalten von allen Gästen ein zusätzliches Lob, und wir feiern mit Grillwurst, Augäpfeln und Glibbermonstern.
Allmählich entwickelt sich Halloween zu meinem bevorzugten Fest, definitiv spannender als Pferderennen, bei dem wir seit Jahren nicht mehr dabei waren.
Die Idee klingt gut, ein großer Hut und mit hohen Absätzen über die Rennbahn, aber in Wirklichkeit ist das alles nur Glücksspiel auf höchstem Niveau, das will ich meinem Kind nicht unbedingt vorleben. Außerdem bedeutet die Realität auch: ab Mittags betrunkene Mädchen und Jungs in überteuerten Schankzelten. Das hat nicht viel Klasse. Dieses Jahr weiß ich noch nicht mal, wie die ersten zehn Pferde heißen, und ich finde es auch nicht heraus. Wir verschlafen den Tag und vergessen völlig, warum wir freihaben. Ich serviere ein leckeres Poachedegg mit smashed Avocado, genau das, woran die Welt
laut unserer Politiker untergehen wird (nicht am aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus); Poachedegg gehört zu meinen liebsten Kocherfolgen. Wäre ich bei den Sims hätte ich einen extra Balken erhalten, aber in unserer Simulation werden die Balken nicht angezeigt. Anschließend gehen wir im Tinpot einen Kaffee trinken.
Ein Freund von uns hat seinen
Singles-Launch, aber ich bin kein
Fan mehr. Die älteren Sachen haben mich immer begeistert, aber für die
neue Platte kann ich keinen Enthusiasmus aufbringen. Er spielt mit einer
Band, die nichts zum kreativen Prozess beitragen darf. Seine Musik hat
sich im Vergleich zu früher nicht viel geändert, außer dass er
ärgerlicher geworden ist, und sein Rumgehopse macht es auch nicht
besser. Ich entscheide mich dagegen. Leider kann ich meine Meinung nicht
offiziell kundtun, das würde nicht auf viel Gegenliebe stoßen. Deshalb
halte ich meinen Mund, schwinge die Arme und den Po und versuche, auf
Gigs der betreffenden Person nicht allzu oft zu gehen. Ungünstigerweise
lässt sich
das manchmal nicht vermeiden. In jüngeren Jahren hatte er extrem viel Potenzial. Leider spielte er in entscheidenden Momenten nicht die notwendigen Touren, um sich zu profilieren. Stattdessen zog er es vor, sich zurückzuziehen und das nächste Album zu schreiben. Obwohl er positive Kritiken im Rolling Stone erhielt und alle Chancen hatte, traf er stets die falsche Entscheidung. Kann ich gut nachvollziehen. Hätte, hätte
Fahrradkette. Wenn wir alle immer die richtigen Entscheidungen treffen
würden, wären wir alle schon einen Schritt
weiter, tun wir aber meistens nicht. Aus Faulheit oder Angst, oder auch
Dummheit, ganz egal. Von außen auf die Situation eines Menschen
zu schauen, ist immer etwas anderes, als selbst in der eigenen Haut zu
stecken und nicht herauszukommen.Also nichts sagen und tonlos den Po schwingen, bis auf Weiteres.

S ist auf Dienstreise, sitzt schon im Flugzeug, und wir
haben uns entschieden, ins Kino zu gehen. Die Vorfreude auf einen
coolen Film ist groß, doch als wir bereit sind, loszufahren,
stellten wir fest, dass der Autoschlüssel verschwunden ist. Im Auto
eingeschlossen. Sven sitzt mit dem anderen Schlüssel im Flugzeug.
Panik breitete sich aus, da die Uhr tickt, die Karten vorbestellt
sind und der Filmbeginn immer näher rückt.
Wir müssen das Kino also auf unseren Fahrrädern erreichen, in nur 20 Minuten, bis zum Filmbeginn. Das Kind ist am Boden zerstört. Sieht aber ein, dass die Karten (buchstäblich) gegen ihn stehen, schluckt seinen Ärger herunter und tritt in die Pedale ohne Gemecker und Geschrei. Dass wir ja ein Uber nehmen könnten, kommt ihm nicht, und ich werd es ihm auch nicht stecken.
B ist supersauer, die Straßen sind belebt, und wir bahnen uns unseren Weg durch den abendlichen Verkehr. Das ist vielleicht die chaotischste Art und Weise, wie wir je das Kino erreichten, aber wir sind entschlossen, den Film nicht zu verpassen. Pünktlich zum Beginn der Werbung sitzen wir in unseren Sitzen und B ist doppelt sauer, weil ich ihn gestrietzt hatte, das Kino rechtzeitig zu erreichen, nur um zur Kinowerbung dazu zu sein. Aber was ist Kino ohne Kinowerbung …! Am nächsten Morgen, pünktlich zum Frühstück, entdeckten wir den verschwundenen Schlüssel - er liegt friedlich, als hätte er nichts ausgefressen auf der Couch, cheeky unter einer Lage Sofakissen. So ein Schreck, manchmal bringt das Leben dem Kind extra Bewegung, die gar nicht notwendig gewesen wäre. Und man kann es nicht mehr rückgängig machen.

Während ich mich auf einer „Girls Night Out“ im Stil der australischen 90er Jahre befinde, überkommt mich Nostalgie. Alle um mich herum tanzen ausgelassen zu Songs von zweifelhaften australischen Bands der 90er, von denen ich bisher noch nie etwas gehört habe. In Deutschland wäre ich wahrscheinlich genauso dabei, aber hier fühle ich mich eher irritiert und außen vor.
Es ist ein seltsames Gefühl und ein bisschen langweilig und deprimierend, die
musikalischen Erinnerungen anderer zu teilen, in denen man sich nicht auskennt. Ich wäre jetzt gern in einem anderen Teil der Welt.
Als wir die Woche danach von der Direktorin einbestellt werden, erinnere ich mich dann wieder warum ich in diesem Teil der Welt lebe
wir waren einbestellt wegen Verhaltensweisen; wir dachten natürlich sofort, dass irgendetwas nicht stimmt. Umso erstaunlicher war allerdings, dass sie nur ihre neuesten Beobachtungen teilen wollten, damit wir Fortschritte beim Psychologen usw. machen können.
Es ist überraschend, wenn Lehrer plötzlich konstruktiv an
Verhaltensänderungen arbeiten anstatt das Kind und uns als Eltern direkt abzustempeln. Wir sind es gewohnt, als unfähige Erzieher behandelt zu werden, daher staunen wir jedes Mal, wenn jemand auf normale
Weise mit uns über unser Kind spricht.
Abgesehen davon sehe ich in seinen Verhaltensweisen sehr viele Parallelen in der Familie, aber erklär das mal einem Menschen, der uns gar nicht kennt.
Am nächsten langen Wochenende fahren wir mit einem Freund und seiner ganzen Bagage campen. Beim Zelten bin ich auf dem Gipfel meiner Frustration. Es ärgert mich, dass wir das ganze Camping-Equipment schleppen müssen, 'weil er ein volles Auto hat', und er kann nicht mal beim Abwaschen mithelfen. Genau so ist das, wenn wir ihn besuchen. Er erwartet, dass wir unser eigenes Bettzeug mitbringen, und wenn wir nach Handtüchern fragen, macht er Augen so groß wie Discokugeln.
Es ist offensichtlich, dass jeder mit dem Alter sein eigenes verrücktes Upgrade bekommt; ich schließe mich da auch nicht aus. Aber ehrlich gesagt, hab ich keine Lust mehr, mich mit all diesen Sonderfunktionen auseinanderzusetzen. Lieber würde ich mich entspannt zurücklehnen und das Schauspiel der skurrilen Eigenschaften genießen.
Am Abend erfahren wir, dass an dem Ort, an dem wir kurz zuvor noch saßen, ein Auto die Kontrolle verloren hat und in einem Pub an einem lauen Sommerabend in die Gäste gefahren ist – darunter auch Kinder.
So schnell kann's gehen.