Warten auf Regen, Tue, 05. Dec 2006 Unterwegs in den Wellen

Tue, 05. Dec 2006 10:57:53 +0100
 Danke für das Geschenk; angesichts des Strafzettels, den wir heute gekriegt haben, eine hinreichende Aufmunterung. Wir sitzen gerade in der städtischen Bibliothek Brisbanes. Unglaublich, die liegt inmitten eines Komplexes brandneuer Museen, Theater, Universitäten, etc. Alles hier ist derart frisch, daß noch nicht mal die offizielle Eröffnung durch ist. Angesichts dieser Bauten und dem einzigartigen Gefühl im Gelände fragt man sich, warum bei uns so wenig Vergleichbares entsteht. Hier bekommt der Begriff „Leben in der Stadt“ eine ganz neue Dimension. Die einschlägigen Vorurteile der deutschen Stadtplaner (Kinder in der Stadt, mangelnde Kommunikation, Lärm, Infrastruktur) verblassen, wenn man hier auf die Straße geht. Vielleicht auch deshalb sind die Menschen hier eine Dimension gelassener, weil sie sich nicht nach getaner Arbeit in die vier Wände verbannt sehen. Jedenfalls ist dieses Brisbane ein herrlicher Fleck; Neues neben Altem, angenehm gepflegt und dennoch angenehm versifft, viele der Viertel außerhalb der Hochhausszenerie rufen förmlich danach, bewohnt zu werden. Uns passts hier jedenfalls sehr gut in den Kram.
Na ja, um acht machen die die Schotten dicht, daher ein wenig Eile:
Die Stimme sagt, man schließt ...



11/12/06
Als Erstes einmal ein paar Rechenaufgaben (übrigens sind wir beide wieder ganz, und vollständig genesen, nur zur Beruhigung).
OK, los gehts, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, an einem Abend: 2x im Sand stecken zu bleiben, von einem giftigen Tier gebissen zu werden, einmal in der Notaufnahme zu sitzen, und später nochmal den Krankenwagen rufen zu müssen, ein Gewitter zu erleben, keinen Campingplatz zu finden, der unser Geld haben möchte, und am nächsten Morgen eine leere Batterie zu haben?
Eher wahrscheinlich ist dann das:
vor ewigen Zeiten einen Bericht im Fernsehen gesehen zu haben, in dem ein Dorf, eine neue Woolworthfiliale (Supermarktkette) boykottierte, da wegen des Ladens ein Stück Regenwald mit zugehörigem Schnabeltierbrutplatz abgeholzt wurde (fand ich gut so ne Initiative).
Also: dann dementsprechend, durch ein wunderschönes Stück Landschaft zu fahren, in dem man allerdings ständig am Fluchen ist, da die öffentlichen Toiletten, die Grillplätze und sogar die öffentlichen Badeseen nach 18:00 Uhr abgeschlossen werden. Wegen so ein paar verblödete Lionsclub-Weiber, die nix anderes mit ihrem Leben anzufangen wissen. Dann beim Vorbeifahren an Woolworth, festzustellen, daß das eben jenes Dorf aus der Reportage ist (da fand ich die Initiativweiber dann gar nicht mehr so gut) ... unbezahlbar, aber nicht unwahrscheinlich, man fährt ja im Leben viele Wege entlang!
Richtig unwahrscheinlich ist das hier: Einen Backpackerjungen irgendwo in der Pampa, bei Airlie Beach zu treffen und den dann an einem Strand unweit von Airlie Beach wiederzutreffen, ist nicht besonders unwahrscheinlich, den gleichen Jungen aber 1000de km weiter im Süden, in irgendeinem Einkaufszentrum bei Brisbane wiederzutreffen, das ist richtig unwahrscheinlich, oder?
Na jedenfalls haben wir schön ’nen Kaffee zusammen getrunken, und Reiseabenteuer ausgetauscht. Er war gerade ausgeraubt worden, wir hatten nur einen bösen Insektenbiß vorzuzeigen.
In Brisbane hingen wir dann ein paar Tage in der neu eröffneten Staatsbibliothek herum; grün angemalter Beton mit Glas klingt nicht so spannend? War aber sehr gemütlich, schöne Außenbereiche aus Holz, mit Blick auf den Brisbanefluss und viele gemütliche Leseecken, genau was man braucht als müder Reisender! Die zum gleichen Zeitpunkt neu eröffnete Stadtbibliothek fand ich nun nicht so gemütlich; ich will mal dem Architekten nur Gutes unterstellen, z. B.daß die lauten Rolltreppen und schreiend bunten Möbel ins Konzept gehören, um einen sozialen Treffpunkt aus dem Ding zu machen, und den Leuten die Angst vorm Lesen zu nehmen … mir wars jedenfalls zu laut, denn ich brauche ans Lesen nicht mehr „herangeführt“ zu werden!
Abends hingen wir dann immer in Jazzclubs herum (man muß die Qualitäten von Großstädten ja nutzen, so viel man kann!) in denen man allerdings leider (obwohl im hinteren Teil großzügige Außenbereiche vorhanden waren), dazu abgehalten war, sich mit der Zigarette im Außenraum, und mit dem Bier im Innenraum aufzuhalten. Das führt zwangsläufig dazu, daß die Arme immer länger und die Türbereiche immer voller werden; was vielleicht auch ein Grund für die vielen Kneipenschlägereien ist, denen man hier ständig begegnet. Ausgeleierte Arme müssen ja irgendwelche Auswirkungen auf den Gemütszustand der jeweiligen Besitzer haben. Ich glaube allerdings eher, daß die letztgenannten aufs Konto der britischen Ahnenschaft gehen, die sind ja weithin bekannt dafür, daß sie keine gute Kneipenschlägerei auslassen können.
Wir konnten uns jedenfalls immer rechtzeitig in Sicherheit bringen. Nachts beobachteten wir dann die Flughunde, die auf so ziemlich jedem Baum in Brisbane wohnen, und doofe Geräusche machen. Mal ganz ernsthaft, es ist mir immer noch nicht klar, was Säuger dazu veranlasst, auf ’nen Baum zu krabbeln, und so oft herunterzuspringen bis sie fliegen können.
Über diesen Umstand kamen wir dann auch zu der Hypothese, daß McDonalds mit ihrem schlimmen Essen schuld am Aussterben der Dinosaurier tragen, und sich nach Ausrottung letztgenannter, ihre neue Zielgruppe in Form der menschlichen Rasse selbst erschufen. So einfach ist das, man muß sich seine Zielgruppe nur selber züchten, dann hat man auch keine Probleme mit dem Absatz des Produkts. Leider scheint McDonalds aber hier ein paar grundlegende Dinge übersehen zu haben, ich denke, daß auch die menschliche Rasse am Hamburger aussterben wird, wenn ich mir die Leute hier so anschaue …
Aus Brisbane heraus, gings dann weiter übers „Hinterland“, niedlich, daß es ausgerechnet solche Worte in die englische Sprache schaffen; vorbei an ein paar wirklich schönen Wasserfällen und Höhlen, diesmal mit Fledermaus und Glühwürmchenkolonien.
So hin- und hergerissen zwischen Hinterland-Gebirge und Strand-Sonne-Brutzelfreuden, kamen wir doch allen Ernstes auf die Idee, uns an die Küste hervorzuwagen, die den Tourismus wohl erfunden hat: die „Sunshine Coast“ mit „Surfers Paradise“ (klingt nett nicht?), es bedarf keiner vieler Worte, Mallorca ist ein Drecksnest gegen „Surfers Paradise“. Der Reiseführer hatte uns gewarnt, und wir wollten uns, wie unartige Kinder, diesen Warnungen widersetzen, also mußten wir die Suppe wohl auch selber auslöffeln! Nach ein paar vergeblichen Versuchen, der Situation etwas Gutes abzugewinnen, strichen wir sehr schnell die Segel …
Daran taten wir auch gut, die Reise führte uns nämlich nach Nimbin. Der allwissende Reiseführer hatte uns hierzu mitgeteilt: In den 70ern hatte in Nimbin ein Hippie-Festival stattgefunden und einige der verpeilten feier Willigen hatten den nächsten Tag verpaßt, und dann noch ein paar Tage mehr, woraufhin sie einfach blieben. Eine nette sympathische Stadt, dieses Nimbin, in der einfach die Zeit stehen geblieben ist. Die ehemaligen Friede-Freude-Eierkuchenmenschen sind inzwischen zahnlos und grau, aber die Straßen sind immer noch bunt wie ehedem. Ab Neune frühmorgens läuft die hiesige (auch zahnlose) Drogenbeauftragte mit ihrem Bauchladen auf der Hauptstraße auf und ab und versucht ihre Smokos an den Raucher zu bringen. Und was für ein fröhliches Treiben, von allen Seiten rufts: „hey warte mal“ und „Ich nehm auch noch einen“. An allen Ecken bringt Väterchen Staat Drogenaufklärungsplakate an, die allerdings nicht besonders gründlich gelesen werden. Alles in allem, ein sehr freundliches Städtchen.
Abends besoffen wir uns dann mit einem Pärchen aus Holland.
Holländische Innenpolitik hin oder her, wir schafften jedenfalls den Absprung aus Nimbin (ich wär ja gern noch geblieben, und wahrscheinlich auch ein zahnloser grauer Hippie geworden), aber auf S’s Drängen hin, wollten wir es noch ein letztes Mal mit der Küste versuchen. Keine schlechte Entscheidung, Byron Bay stellte sich als alles andere als Touristen verseucht heraus. Zugegeben, Touristen gibt es hier wie Sand am Strand, aber eher rumhängende-Surfer-Backpacker wie wir. Riesige, lange Strände, ohne Hotel-Bettenburgen. Byron Bay ist auch eine von den ehemals hippieverseuchten Städten, aber hier ist die Zeit nicht stehen geblieben. Vom Fortbestehen damaligen Zeiten zeugen allerdings kommunale Entscheidungen wie eben, das McDonalds es bis heut nicht geschafft hat hier eine Filiale zu errichten (das Überleben der menschlichen Rasse ist gesichert).
Niedlich ist auch, daß Byron Bay seinen Namen von einem ehemaligen Crewmitglied des alten Kapitän-Koch hat, welcher der Großvater von Lord Byron, dem Schriftsteller war. Das allerdings wußte der beauftragte Stadtplaner nicht, verwechselte Großvater und Enkel und gab den Straßen des Ortes alle möglichen Schiffstellernamen. Eine niedliche Verwechslung, die dem Nestchen heute ’nen kulturellen Touch gibt.
Wir gehen jetzt wieder Wellenreiten, die Brandung ist hier unglaublich toll!





Mon, 11. Dec 2006 04:37:50 +0100
Wir haben uns unglaubliche 100 km von Brisbane fortbewegt, sind aber dafür rund 300 km gefahren. Und Byron Bay ist ein kleiner Himmel auf Erden. Die Bevölkerung hier hängt ein wenig den alten 68ern hinterher und vertritt geschlossen den Standpunkt, daß Hilfe zur wirtschaftlichen Selbsthilfe die Grundlage einer gesunden Gesellschaft und intakter wirtschaftlicher Strukturen innerhalb einer Kommune ist. Aus genau diesem Grund gibt es hier nur eine einzige Filiale einer Supermarktgruppe. Dann nichts. Weder McDonalds, keine Fernsehkette, keine Hühnchenkette, keine Autoteile, etc. pp. Es gibt aber alle Produkte für die fast gleichen Preise, allerdings aus den Händen einheimischer Firmen. Und das funktioniert. Die Gegend floriert touristisch (wobei die Natur zugestandenermaßen schon ein wichtiges Stück Vorarbeit leistete) ganz hervorragend. Aber: trotz dessen, daß hier zurzeit durch die Schulabgänger, Reisende, Familien mit kleinen Kindern und ersten Vorboten der kommenden Weihnachts-/Sommerferien volle Häuser zu finden sind, ist von massentouristischen Aufläufen à la Mallorca nichts zu spüren – hier konzentriert man nichts das Geschehen künstlich auf 300 m Strandpromenade, sondern läßt bewußt Platz, zersiedelt in kleinere Zentren, schafft Wege und Verbindungen. Herrlich. Obwohl ich eigentlich grad überhaupt nicht zum Photographieren aufgelegt bin, werde ich doch mal ein Panorama der Bucht basteln. Und weils hier so schön ist, werden wir noch ein paar Tage verweilen.






Oberkörper + Linoleum = Aua

Wed, 13. Dec 2006 03:26:38 +0100
Was treibt mich derzeit an? Nachdem wir uns 3 Tage im herrlich stand-gesegneten Byron Bay die Stunden vertrieben haben, fiel gestern der Entschluss, da
ß der Mensch auch surfen muß. Bedingt durch unsere Motorspastie fiel „echtes“ Wellenreiten vollständig aus (wo soll auch neben all dem Müll, den wir ohnehin schon transportieren, noch ein langes Brett hin). Also fiel die Wahl auf das Vergnügen des kleinen Mannes, auch körpergleiten genannt. Dabei bedient man sich eines oberkörpergroßen Brettes aus Polyurethanschaum, um auf dem Kamm der Brandung unter erquicklichem Jauchzen umherzurutschen. Sieht einfach aus, erste Tests ohne Brett waren schon sehr angenehm. Also her mit so einem Teil. Mist – richtig ordentlich kostet auch richtig Geld. Somit verblieb nur das Konkurrenzprodukt aus dem Land der Augenschlitze. Ich fasse mich kurz: nach 15 Minuten Versuchen stellten sich nässende und blutende Stellen am unteren Rippenbogen bei uns beiden ein. Klar – schmeiß dich mal auf dein Linoleum im Vorraum, du ziehst dir die ganze Pelle vom Leib. Tja, Dummheit muß bestraft werden. Ich laß mir von der lieben S eine Surfkombi aus Gummilippe schenken, dann bleib ich wenigstens unbeschadet und sie kann sehen, wo sie bleibt.
S hat ihre Tierattacke ohne bleibende Schäden überstanden, dafür hats mich gestern voll erwischt: Irgendein Viech sticht mich in der prallen Mittagshitze in den Nacken. Kurzes Jucken, kleines Kratzen, alles klar. Aber das will einfach nicht zu jucken aufhören. S schaut mal nach und schreit nur „Scheiße – Brandblasen!“ Na ja, ich den ganzen Hals voll nässender Quaddeln, alles saurot und angeschwollen. Was willste machen; also sind wir erst mal 'ne Stunde schwimmen gegangen und siehe da: Salzwasser hilft wirklich gegen fast alles. Jedenfalls habe ich letztens in einem Museum den schönen Spruch eines Naturforschers gelesen: „Je kleiner das Tier, desto größer das Problem!“ Bei ihm war es wohl eine sehr seltene Form der Malaria, übertragen von den Sandfliegen, die hier überall schwirren. Mit bloßem Auge nicht zu sehen, als Staubkorn auf der Haut erkennbar, aber beißen wie die Sau, weiße Quaddeln von 5 ... 10 mm Durchmesser und stundenlanges Jucken. Glücklicherweise gibt's die Malaria-Bakterien nur in ausgesprochenen Tropengebieten, und die haben wir bereits weit hinter uns gelassen. Und just dort haben wir uns schöne Schauergeschichten über die Bekämpfung von Malaria erzählen lassen. Impfen ist da nämlich nichts, weil das eine reine bakterielle Infektion ist. Also gibt’s Tabletten, die man bei Auftreten deutlicher Symptome nach einigen Tagen einnehmen kann, um die Dinger wieder rauszukriegen. Dann gibt’s da aber ein paar sehr intelligente Reisende, die meinen, man könne die Tabletten doch schon präventiv einnehmen und müsse unter den Folgen einer eventuellen Malariainfektion nicht leiden und verschwende keine wertvolle Zeit. Weil die Hirnis aber nicht lesen, bleibt ihnen auch der Hinweis des Herstellers verborgen, daß diese Medikamente zu halluzinogenen Nebenwirkungen und Schlaflosigkeit führen können. Also sind diese Kunden voll gebimmelt, mit Farbfilm in Stero im Kopf wie im Wachkoma über die Strände gerannt – absolute Messe – wie bekloppt kann man sein. Hauptsache malariafrei.
In diesem Sinne, Frohe Ostern