05/11/06
… rote Wüste & Fata Morganas, Emus und Kängurus springen winkend neben dem Auto her... Auf der Straße flimmert die Hitze so sehr, daß man Autos erst auf 50 m Nähe erkennt, obwohl die Straßen so gerade gebaut sind, daC man bis zum Ende der Welt schauen kann; stoische-Geradeausstraßen (die Aussies wissen nicht mal wie man Kurven baut).
Links und rechts springen Zicklein mit ihren Jungen über die Straßenabsperrung;
Kleine Wirbelstürme entstehen hier und da, neben der Fahrbahn, durch die riesigen Trucks, die an uns vorbeiziehen, wenn wir durch einen durchfahren, ist das besser als Rollercoaster fahren;
Über Chem Trails sind wir sehr dankbar, die verschatten den Himmel wenigstens ein bisschen; Huppviehcher & Staksevögel. Staksevoegel versuchen immer wieder todesmutig zwischen uns und die Straße zu springen, auch die Kühe haben eine seltsame Todessehnsucht entwickelt; kleine Frischlinksferkel stehen auf der Straße und trinken aus Pfützen und wilde Katzen schleichen am Straßenrand herum, wartend, auf den nächsten Truck, der ihnen das Abendbrot liefert.
Einmal ist uns ein Reifen geplatzt;
Einmal haben wir bei Gewitter draußen im Nichts gestanden,
Einmal sind wir aufgewacht, und Viehtreiber trieben mit ihren Pferden eine riesige Herde Kühe ums Auto herum.
Nachts, ist extreme Ruhe, wir stehen auf und gehen schlafen, mit der Sonne; sitzen in unserer Blechbüchse, die Insektendicht verschlossen ist, und lauschen dem gefiepse der Beißedinger, langsam gewöhnen wir uns auch an die fiependen Beißer, die Klappe bleibt oben, und da unsere Lampe kaputt ist, gibt’s Mondschein, Jazz aus dem Radio; Kuhgeblöke und Technogrillen wenn wir keinen Empfang haben.
Dann wieder rot-gelbe Wüste (die Öde wird grün, beim Gedanken an Wasser).
Angefangen hatte alles in Broken Hill, was ne ganz nette Stadt wäre, wenn eswenigstens einen Bäcker hätte. Jedenfalls ist das Besondere an dieser bezaubernden Stadt: daß sie um eine Abraumhalde herumgebaut wurde und das sagt schon viel über die romantischen Industriestädte im schönen Outback. Auch daß in der darauffolgenden Stadt (Silverton), „Mad Max“ gedreht wurde, ist kein Zufall. Die Stimmung ist einfach „unvergleichlich“ d. h. hier haben sich verrückte alte Zausel niedergelassen, weil das Leben hier so billig ist, basteln die jetzt Kunst aus Schrott.
In White Cliffs wird es dann wieder spannend: hier bauen die Leute in kleinen Buddel-Höhlen Opale ab, und wenn sie ein Stückchen Kalkstein weg gebuddelt haben, bauen sie sich ihr Wohnzimmer in das entstandene Loch, da ist der Weg zur Arbeit auch nicht so weit. Weiter durch Willcannia, Cobar, Burke ... am Dingozaun vorbeigekommen; der ist genauso ’ne Verarsche wie der Hasenzaun. Kein halbwegs gesunder hungriger Dingo würde sich von dem klapprigen Ding abhalten lassen ... Cunamulla, Charleville Aughatella, Blackall, Barcaldine, Longreach, Winton ... ich weiß nicht mehr wie sie alle hiessen ...
Sehr oft sieht man hier aufgeständerte Kolonialzeitlodges mit 'nem kompletten Belüftungs- und Schattengeschoss darunter. Ansonsten sind sehr viele der „älteren“ Häuser in den 20er bis 50er Jahren gebaut, also sehr viel Art Deko. Die Häuser sind oft niedlich, viktorianisch, aber eben auch aus Papier und Zuckerwatte gebaut, man hat das Gefühl, man müßte nur mal kräftig pusten, und alles fällt zusammen.
Die Städte sind oft sehr süß, gerade die minikleinen mit 10 Einwohnern, zuckersüß, alles sieht aus wie irgendwas zwischen dem wilden Westen, und einer kitschigen 50er-Jahre Familien-Seifenoper, zuckersüß eben, Veranden mit Schaukelstühlen, Markisen, Lollipopwerbung.
Inzwischen sind wir in Karumba, am Golf von Carpentaria. Hier ist es wirklich schön, wie an der Südsee. Wir waren am Strand, konnten aber leider nicht auf die Salzwasserkrokodile aufpassen, da keine da waren. Dorfbewohner bestätigten uns aber immer wieder, daß die da sind, man sie allerdings erst sieht, wenn das Bein ab ist.
Es gibt Frösche auf dem Klo, einen Pool auf dem Campingplatz, einen Pub mit Veranda und Mini-Känguruhs neben dem Auto. Den ganzen Tag wird geschwommen und gelimed.
PS: Wir haben eine Außenstelle vom Pirates Inn (Pops tönende Wunderwelt) gefunden, eine Bar am Strand auf 'nem Hügel mit Blick auf den Golf, die Flut mit den überschwemmten Mangrovenbäumen und den Sonnenuntergang der wegen Äquatornähe gerade mal eine Minute braucht.
Sollte ich mich nicht mehr melden, schickt die Post einfach nach Karumba.
Fußball ist unser Leben!
Mon, 06. Nov 2006 02:08:47 +0100
'n Abend allerseits,
Wer
sich jetzt spontan an Heribert Fassbinder erinnert fühlt, liegt
instinktiv richtig. Ihm geht es oftmals genau wie mir, es wird von ihm
erwartet, das zu kommentieren, was keines Kommentars bedarf (warum auch
immer; in seinem Fall eher die Drittklassigkeit der gezeigten Partie, in
meinem die Letztklassigkeit des australischen Hinterlandes). Doch wie
konnte es zu einer derartigen Reisedepression gekommen? Lest selbst:
Nachdem
der Entschluss stand, endlich die Weiten Australiens zu erkunden,
faszinierende Flecken Natur und die nettesten Menschen zu entdecken,
mußte auch ein Plan her. Die mit allen Brackwassern gewaschene S übernahm spontan die Routenplanung und schlug vor, die Geburtsstätten
des australischen Traumes im entfernter gelegenen Hinterland zu
erkunden. So verabschiedeten wir uns aus dem schönen, aber langweiligen
Mildura und waren voller Tatendrang frühmorgens an vorletztem Samstag
das Weite zu suchen. Die vom Gastgeber arrangierte
Abschiedsfeierlichkeit bei Lammbraten und Rotwein mit Gastronomiebesuch
dämpfte in ihrer Konsequenz beschriebenen Drang erheblich. Aufgrund
inadäquatem Überkonsum war es der trinkfesten S nicht möglich, vor 4
Uhr nachmittags das Nachtlager zu verlassen. Nomen est Omen – jedenfalls
konnten wir der Straße vor Einbruch der Dunkelheit noch einige
Kilometer laaangsamer Fahrt (möglichst erschütterungsfrei) abringen.
Erster
Stop: Broken Hill, Keimzelle der australischen Gewerkschaften,
erfolgreichster Minenstandort des Landes, ein El Dorado für den
arbeitswilligen Kerl. Trotz des recht attraktiven Ensembles (von der
einzigen Haupt- und Einkaufsstraße des Ortes blickt man ständig auf die
parallel gelegene 100 m entfernte riesige Abraumhalde) wollte keine
rechte Begeisterung aufkommen. Karg, irgendwie künstlich, will sagen:
Die besten Zeiten sind längst vorbei. Um es kurz zu machen: Die besten
Zeiten sind hier überall längst vorbei. Abgesehen von 2 oder 3 kleinen
Städtchen, die aufgrund ihres aufgeräumten Charmes zu begeistern wußten,
gibt es im Outback nichts, was zu sehen wert wäre. Vormals
blühende Städte des Bergbaus oder der Viehzucht sind zu Relikten
verkommen. Geblieben sind nur die, die sich für ihr Leben nichts anderes
vorstellen konnten. Geisterstädte, nur daß die Geister noch leben.
Landschaftlich
sieht das nicht anders aus. Australien als trockenster Kontinent der
Welt entwickelte in der Zeit vor der europäischen Besiedlung eine
einzigartige Tier- und Pflanzenwelt, die hervorragend mit der
Trockenheit, der Armut des Bodens an Nährstoffen und der sengenden Hitze
klarkam. Dank der Besiedlung und des rücksichtslosen Landgewinns für
Viehweiden verblieben nur dürre Steppen mit kärglichem Gras, wo vormals
dichte Wälder aus Eukalyptus standen. Eines ist gewiß - dort wächst nie
wieder was. Aber was solls, sagen sich die Aussie-Bauern, es gibt ja
dahinter noch jede Menge Land; unerschöpfliche Weiten, das „Lucky
Country“ eben. Ich habe Zweifel.
Nun gut, um die Odyssee
nachvollziehbar zu machen: nach Broken Hill ging es über einen Flecken
namens White Cliffs; dort wühlen ungefähr noch 50 angehende Millionäre
nach Opal. Ein etwas entrückter Dorfspezie gab bekannt, daß er seine
„Goldmine“ sofort an denjenigen verschenkt, der ihm ein Bild eines
wohlhabenden Opal-Gräbers bringt. Wilcannia hingegen hatte vormals
richtig Charme – ein Wirtschaftszentrum des Outback, mit herrlichen
viktorianischen Kommunalbauten. Dort lungern jetzt Eingeborenen rum, es
gibt nicht einen Laden oder Pub mehr, der Ort ist als schlimmste
Outback-Hölle verschrien. Dann ein Sonnenfleck – Cobar. Damals wie heute
durch Gold- und Kupferbergbau bewegt, konnte sich dieser Fleck halten.
Unvorstellbar, wie dicht Elend und Zuversicht hier beieinander liegen
können. Dann wieder lange nichts. Die endlosen Pisten Richtung Norden
nach Charleville und Winton quälen sich wie ein zähes Band dürrer Einöde
an den Scheiben vorbei. Die unerträglich werdende Hitze und Feuchte
verbäckt den letzten Rest Stoff mit der stinkenden Haut. Nachtlager
aufschlagen vor Einbruch der Dunkelheit. Nachts fahren kommt einem
Harakiri gleich – Unmengen hungriger Kängurus bevölkern nach der
Dämmerung die Ränder der asphaltierten Straßen und kauen die spärlich
wachsenden Gräser. In manchen Landstrichen ist der Verwesungsgestank der
überrollten Kadaver schier unerträglich; Aasfresser, Schmeißfliegen und
Ameisen feiern Tag und Nacht über ihrem Festmahl. Dann Unwetter nach
Dämmerung – Blitze, die man noch nicht einmal hört, die aber bereits die
Größe der aus Europa vertrauten haben. Ringsum nichts, was den Blitz von
uns ablenken könnte. Also flüchten. Nach einigen Kilometern trifft man
ein Lager moderner Cowboys. Drei Lastwagen mit Futter für eine riesige
Herde, ein Wohnwagen, Motorräder, paar Pferde. Wir stellen uns in deren
Nähe, um dem Wetter zu entgehen. Einige Minuten später erreicht uns das
Gewitter – von Romantik keine Spur. Morgens, Reifen hinten rechts platt.
Wechseln und mit dem wenig vertrauenerweckenden Reserverad die 60 km
in die nächste Siedlung. Glücklicherweise findet sich eine der
bekannteren Ersatzteilbuden – die bescheißen einen wenigstens nur ein
bisschen. Zwei neue Schlappen mit Aufziehen (Auswuchten ist nicht, die
Straßen sind so schlecht, meint der fette Mechaniker, die Felgen sind
nach 100 km wieder hin) für 120 EUR. Weiter nach Robinton und Cloncurry –
das Ziel bereits nah vor Augen: Mt Isa. Laut einschlägigem Reiseführer
eine herrliche kleine Stadt inmitten immergrüner Hügel, sprühend vor
Charme, ein Muß für jeden, der etwas vom Outback gesehen haben will. Der
Verheißung folgt die Entgleisung: Anfangs wechselt die Landschaft nach
3000 km Dörrland in kleine Hügelketten mit dichter werdender Vegetation.
Herrliche Plätze, wie muß da Mt Isa sein.
Ankunft – alles wird
überragt von riesigen Schloten und unfaßbaren Halden, stinkenden
Hochöfen und Fördertürmen. Die Landschaft rotgrau, kein Strauch auf den
Hängen, Restaurantkultur bei McDonalds, ansonsten nichts. Billiger
Sprit, billige Nachtbars, viel Polizei, viel Schlägereien. Mir scheint,
die Redaktion des Reiseführers hat lange keinen Fuß hierher gesetzt. Auf
dem Absatz kehrt, 600 km nach Norden in die tropischen Gefilde am Golf
von Carpentaria. Was soll ich sagen – ein ehemals winziges Fischerdorf
namens Karrumba entwickelt sich zu einem Solitär des Outbacks. Weiße
Strände, Palmen, Mangroven, Krokodile, hervorragende Fischrestaurants,
Swimmingpools (Baden im Meer aufgrund der Krokodile nur bedingt zu
empfehlen).
Vielleicht kann man es wie Fassbender so zusammenfassen:
Sehen
wir es einmal so; quälende 89 min Langeweile und Stumpfsinn sind
endlich vorbei. Der Ausgang dieser scheinbar hoffnungslosen Partie
brachte uns dieses herrliche Tor, daß wirkliche alles Vergange wieder
wettmacht. So emotional kann Fußball sein. In diesem Sinne: machen Sie’s
gut.