Warten auf Regen, 01/12/06 Unterwegs mit der Rotarschspinne




 

 


01/12/06
 Wir haben uns der Gilde der Backpacker angeschlossen, Touristenstrände gemieden, und die wilden Wege der ungeschützten Wasserlöcher und -fälle erklommen, bewundert und bebadet (Und das ohne Rettungsschwimmer in der näheren Umgebung!)
Nachdem mein Tagesablauf inzwischen auch schon so weit an die Sonnenzeiten angepaßt ist, hatte ich auch keine größeren Probleme um 5 Uhr in der Frühe auf Wanderungen zu gehen um Schnabeltiere anzuschauen (sehr nett). S war allerdings nicht wach zu bekommen, wenn ich den nicht ab und zu mal wecken würde, wenn ich weiterfahren möchte, würde der die drei Monate eh durchschlafen …
Schnabeltiere sind nämlich, wie ich langsam glaube, so ziemlich alle Tiere in Australien, nachtaktiv, und ziemlich schwer zu Gesicht zu bekommen … Genau wie Schildkröten beim Eierlegen, und das war dann auch das andere Extrem. Nachdem der gemeine Backpacker – Organismus so extrem auf Tageslicht umgestellt ist, waren wir es einfachmal nicht mehr gewohnt bis einse in der Nacht darauf zu warten, daß die alten Mistkröten sich endlich mal an den Strand bewegen wollten, um sich so‘n Ei rauszuknärtzen, und mußten wirklich alle Willenskraft aufbringen nicht wegzubutzeln. War dann aber doch ganz nett der dicken Krabbelkröte zuzuschauen wie sie sich abmühte, da dachte ich mir: der gehts doch grad genauso dreckig wie mir, und war auch gleich wieder gut drauf ...
Und so würde ich wohl meine Tage immer noch mit Sandburgenbauen, schwimmen ohne Quallennetzen am Brandungsstrand, Korallensuchen und Possum-fuettern verbringen, wenn wir nicht eines Tages nach Rainbow Beach gekommen wären.
Rainbow Beach soll wunderschön sein, wurde mir gesagt, dieses kann ich nun leider weder verneinen noch bestätigen, sondern nur an besser informierte Personen weiterverweisen ...


Alles fing an, mit S’s Halsschmerzen. Ist ja nun nichts Ungewöhnliches, daß S-chen jammert, also entschieden wir uns einen Arzt aufzusuchen um uns, nur „für den Fall“, ein bißchen Penicillin aufschreiben zu lassen, das bekommt man ja nicht so einfach in der Apotheke ... Jaaaa so dachten wir, das australische Krankenkassensystem funktioniert nur leider nicht so einfach. Nachdem uns der 5. Arzt wieder an den 1. und der 1. wieder an den 2. usw. verweisen wollte, wurden wir dann ein bißchen lauter, und die nette Sprechstundenhilfe legte uns ans Herz doch gleich mal bei der Notaufnahme vorbeizuschauen, da es doch jetze schon etwas spät für nen Termin heute wäre (das war 14:00)
Wir also zur Notaufnahme (14:30), wo erstmal festgestellt wurde, daß S Priorität 5 hat, bei leider nur 5 Prioritätsstufen sehen die Behandlungschancen dann doch eher bescheiden aus. War dann aber gar nicht so schlimm, 18:00 war der Arzt dann so weit. Nachdem S sich selbst die Diagnose gestellt und auch dem Arzt die Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt hatte, durften wir das Krankenhaus mit dem wertvollen Stück Papier verlassen. So, dachten wir, essen wir erst einmal schön Abendbrot, allerdings nicht ohne die dunklen Wolken am Horizont bemerkt zu haben. Das Abendbrot war lecker und wir entschieden, nachdem uns ein netter Security-Herr darauf hingewiesen hatte, daß man hier nicht schlafen darf, nein auch nicht auf der Matratze der Rückbank des Autochens, dachten wir daran, etwas aus dem Stätdlein herauszufahren … Da wurde es schon dunkel, und helle Blitze zuckten am Horizont.
In Ermangelung probater geldlicher Mittel entschieden wir uns dann auf dem erstbesten Campingplatz, dessen Rezeption sowieso schon geschlossen hatte, kostenlos einzuschleichen.
Das Besondere an Rainbow Beach ist nun aber, daß es kurz vor Frasier Island liegt, was bekanntlich eine der schönsten Sandinseln der Welt ist.
Wir blieben also im Sand stecken.
20:00 ein böse dreinblickendes Backpackerpärchen hilft uns das Auto aus dem Sandloch herauszuschieben.
20:10 das Auto ist vollständig umgepackt, und schlafbereit
20:11 mich beißt die mopsgesichtige Gurkenkrake
20:12 ich renne schreiend über den Campingplatz
20:13 S rennt schreiend über den Campingplatz
20:15 S hat alle auf dem Campingplatz befindlichen Personen einschließlich Hunde und Autos befragt, was man in einer solchen Situation zu tun habe.
20:19 Alle sind sich einstimmig einig, daß man keine Ahnung habe, aber lieber noch jemanden zu Rate ziehen solle, und eine Schlange wird es schon nicht gewesen sein, denn die beissen mehrmals zu.
20:20 Der Biß tut jetzt dolle weh
20:25 Wir stecken wieder im Sand fest
20:26 Ein betrunkendes Backpackerpärchen versucht uns aus dem Sand zu wühlen und zeigt uns eine Abkürzung zur Strasse
20:28 Wir stehen mit unserem 2-Radantriebswagen im Strand
20:30 Das betrunkene Backpackerpärchen entschuldigt sich für die Abkürzung und schiebt uns in die andere Richtung wieder hinaus (nicht ohne mir vorher ein paar Geschichten von gefährlichen Beißetieren berichtet zu haben)
21:00 Wir halten vor dem erstbesten Pub im Ort, und fragen den Kneiper nach ner Nachtapotheke. Der schüttelt nur den rotnasigen Kopf und versucht alle seine Arzt- oder Rettungsschwimmerkumpels anzurufen. Die liegen mittwochs um 9 natürlich alle schon besoffen irgendwo in der Ecke. Da ruft er halt den Rettungswagen an. Der Rettungswagenmann sagt, er kommt so schnell er kann, also in einer Stunde.
21:30 wir legen uns ins Auto schlafen
21:45 es klopft an der Scheibe, der rotnasige Kneiper hat doch einen von seinen besoffenen Kumpels erreicht, der gibt mir nen Eispacken zum kühlen und sagt, daß mich wohl die Rotarschspinne gebissen hat.
21:55 es tut jetzt fast gar nicht mehr weh
21:56, die Ambulanz kommt, sagt, daß es von der grünen Ameise bis zur Rotarschspinne alles gewesen sein kann und daß die Rechnung dann wohl nach Deutschland geschickt werden wird (Ach ja, und das Tier sitzt sicher noch im Auto, also doch lieber mal alles ausräumen und nachschauen)


 Es erübrigt sich wohl zu erzählen, daß am nächsten, Tag als wir endlich an den Strand fahren wollten, die Autobatterie alle war … . Wir sind dann so schnell wie möglich da abgehauen, deswegen weiß ich leider nicht, ob Rainbow Beach wirklich so schön ist, wie alle sagen …




Australia strikes back!
Fri, 01. Dec 2006 07:49:07 +0100
Was ich unlängst befürchtete, trat nun ein; die Natur wehrt sich unter Aufwendung aller verfügbarer Kräfte gegen die Überflutung durch die teutonische Besucherschar. Ich kapituliere und neige untertänig mein Haupt. Doch wie konnte es dazu gekommen?
Alles begann mit dem unheilverheißenden Entschluß, ein Abendmahl angesichts des herrlichen Sonnenunterganges an einem der, so schreibt zumindest der wertvolle Reiseführer, schönsten Sandstrände Australiens zu genießen; Rainbow Beach. Werden da nicht Träume lebendig? Rainbow Beach – dies klingt nach endlosen, den Horizont küssenden, weißen und palmengesäumten Sandstränden, Kokosnüssen unter wogendem Blätterdach, schattigen Plätzchen, um die Seele schweifen zu lassen (in meinem Fall wollte diese in die Tiefen der vektoriellen Analyse koinzident strahlender Dipole schweifen). Alsbald nach Beginn des Schmauses gesellte sich ein beleibter freundlicher Herr (ich nenne ihn Hiobs) zu unserer Runde und verkündete, wir sollen nicht mal daran denken, an seinem Strand unser Nachtlager aufzuschlagen. Mein zutiefst verlogener Charme beschwichtigte ihn mit allerhand Lügen ob unseres Ansinnens, doch alsbald wieder das Weite zu suchen und anderenorts das Haupt zu betten; wobei uns insgeheim nichts ferner lag, hatten wir doch die Schnittmenge von irdischem und himmlischen Dasein erst kürzlich für uns entdeckt. Also brachen wir nach Einbruch der sanft umhüllenden Finsternis in Richtung noch verlassener Plätze auf, um uns einen kleinen Schlafplatz auf einem oboluspflichtigen Campingareal zu ergaunern – sollte dieser Entschluß Keim der bevorstehenden Qualen sein?
Ganze 30 Sekunden nach unserem Einzug ins heimelige Nachtquartier der erste Schlag – Sand so tief wie Russland groß. Die Karre voll rin in den Scheiß, uffgesessen auf der vollen Länge, eingewühlt bis zur Halskrause; kotzverdammter Scheißdreck. Selbst tugendhafte Wintererfahrung wie das alte „Stopf-deine-beste-Decke-unters-Rad-und-fahr-raus-Junge!“ oder karnickelgleiches Wühlen halfen nichts. Also mußten wir die angebotene Hilfe eines Pärchens in Anspruch nehmen, um den Bock zumindest an den Rand des Sandbunkers zu bugsieren. Da stehen wir nun, in der Gewißheit am kommenden Morgen ein wenig jonglieren zu müssen, um den gesegneten Asphalt zu erreichen, doch beruhigt und selig. Also flux das Lager aufgeschlagen, die Kissen aufgeklopft und Trauben reichen lassen. Während ich noch räume, vernehme ich das zärtliche Stimmchen der reizenden Begleiterin, welche mir mitteilt, etwas habe sie in die zierliche Wade gezwickt, während sie sich schon auf ihrem Bettchen aalte. Sind stechende Insekten doch nichts Ungewöhnliches, bejahte ich brav und schuftete weiter der wohlverdienten Ruhe entgegen. Wurde nicht ihr Rufen deutlichen, fast klagend zu nennen; es war kein Werk mehr möglich, eilen sollte ich, den bösen Biß zu beschauen. Bereits leicht gereizt gab ich dem Winseln nach und konnte mein Erstaunen nicht recht verbergen – ein Biß so groß wie die linke Titte von Pamela Anderson, gesäumt von einem Vorhof wie das Taj Mahal. Und schmerzen mußte der, von Nadelstichen über das gesamte Beinchen war die Rede. Verdammte Scheiße, das sah nicht gut aus; von dem Tierchen noch dazu keine Spur. Eine Schlange war es jedenfalls nicht, daß hätte martialischere Spuren hinterlassen, dennoch gibt es genügend andere Killer, die es auf uns abgesehen haben könnten. Rat einholen, ich hetzte zu leicht angetrunkenen Nachbarn, erfrage die Eigenarten der hiesigen Tierwelt, diese geben sich als Iren zu erkennen (noch dazu schwer betrunkene, sie sahen aufgrund der Veranlagung nur wesentlich besser aus) und wußten von Tieren so viel wie Angela M. von Politik – man hatte davon gehört und sah sich unversehens damit konfrontiert. Sie versicherten mir jedoch „Ja!“, es gäbe giftiges Getier, ich solle doch die Herde Einheimischer aufsuchen, die hinter einigen Büschen und zehntausend leeren Dosen den Abend sanft ausklingen ließen. Nichts wie hin! Diese verstanden wohl nur das Wesentliche meiner Rede, rieten also zum Besuch eines Heilkundigen gleich um die Ecke (ca. 100 km westwärts). Nur soviel, wenns wehtue, werde es wohl schlimm sein. Beruhigend, dachte ich doch eher an eine Packung kühlendes Eis. Auf dem Rückweg kommt mir auch schon die aufgewühlte Begleiterin entgegen, mit Rinnsalen kleiner Tränen überhäuft, fragt wehleidig-liebend, ob ich denn nicht mehr alle Nüsse an der Palme habe und pissen war, anstatt ihr Leben zu retten (Undank war schon immer der Welt Lohn). Ich sie unter den Arm geklemmt, die Iren und deren elektrische (und alkoholische) Fackel geschnappt, mir den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Der männlichere der beiden Iren (es war der Mann), riet, den Ernst der Situation begreifend und den lebenserhaltenden Trieb voll ausspielend, zu einer Abkürzung zurück auf die Piste. Drei, vier Anläufe und ich fuhr, die Gebissene in den Wagen gezerrt und weg waren wir.

Intermezzo:
An dieser Stelle möchte ich eine kleine Lektion, die ich unlängst gelernt habe, zum Besten geben:
Frage nie einen Schotten nach einer milden Gabe, nie einen Waliser nach dem Namen seines Heimatdorfes, nie einen Engländer nach einem Essen, und NIE einen Iren nach dem Weg!
Die hetzende Reise hin zu medizinischem Rat nahm ein recht unerwartetes und frühes Ende: am Strand. In noch tieferem Sand. Voll drin, der Scheißkarren. Hatte mir der Ire, diese Kartoffelfressende Missgeburt, in seiner grenzenlosen Einfalt doch den Weg zum Strand gezeigt. Kein vor, kein Zurück, Nichts. Mein bekanntermaßen bis zur Unendlichkeit dehnbarer Faden der Geduld wurde in seiner Mitte bedenklich dünn, als mich dieser Hundsfott, nachdem ich ihm hinterhergesprungen, doch fragte, ob es denn jetzt ginge. Seine Strafe sollte kommen, spannte ich ihn vor den Karren, auf daß er mich den Weg zurück in die Zivilisation schiebt (und nebenbei den aufgewühlten Sand frißt). Den Pfad der Rettung mit letzter Not erreichend, werfe ich den netten Iren einen dankbaren Gruß entgegen (denke mir meinen Teil) und entschwinde.
Begleitet vom markrührenden Gebrüll der 6 Zylinder und 4 Liter, schwillt ebendieses auf dem Sitz neben mir allmählich an (hatte ich mich doch auf einen beschaulichen Abend gefreut, kann dieses Weib denn gar nichts? Läßt sich von jeder daher gelaufenen Giftspinne oder tödlichen Ameise beißen. Tss, tss, tss). Unversehens erreichen wir den strandnahen Beach-Surfing-Club, in dem ich instinktiv unter den Betrunkenen einen vermute, der mir aus dieser mißlichen Lage (und der Begleiterin aus den stärker werdenden Schmerzen) helfen kann. Fehlanzeige, der örtliche Rettungsschwimmer mußte wohl grad anderenorts nach dem Rechten schauen, doch der Herr der Bar gab mir, nachdem er ausgetrunken, ein Telefon und riet, die freundliche Frau der Ambulanz um ein Schwätzchen zu beten; was soll ich sagen, eine herzensgute Frau, hat sie sich doch gleich dem Wohlergehen erkundigt, und wollte zu Unrecht erzürnt wieder auflegen, als ich ihr das meinige dankbar bescheinigte; da fiel mir glücklicherweise der Anlaß meiner Rast wieder ein. Einen netten Plausch über blutende Wunden, Hitzegefühle, Bewußtlosigkeit und Erbrechen später, beschied sie mir beste Gesundheit und meinte, sie schicke mal ein paar Jungs um die Ecke, nach dem Ergehen der Begleiterin zu schauen. Diese dürfe um Himmels willen nichts essen oder trinken, um ihren Zustand nicht weiter zu verschlechtern. War ich beruhigt! Darauf ein erfrischendes Bierchen, der Abend war gerettet, mir ging es gut, und der Geliebten (vielleicht) alsbald ebenso. Aus einem mir nicht erklärbaren Grunde brach bei dieser wenig Begeisterung aus, als sie mich, am Kühlen nippend, die frohe Kunde ob des bevorstehenden Besuchs und ihrer baldigen Genesung unter Einhaltung einer medizinisch erforderlichen strengen Fastenzeit überbringen sah. Da doch Milde die oberste meiner Tugenden, sah ich ihr den fahrigen Fehltritt im Tone nach, schenkte nach und entspannte, sollte es doch nur eine Stunde bis zum Eintreffen der Samariter dauern.






Das Folgende beweist, daß froher Mut noch jede Hürde senkt; zeigt sich doch nach einiger Zeit der Herr der Bar mit dem, noch sichtlich von der letzten Mission ermatteten, Rettungsschwimmer im Schlepptau. Dieser bietet sich in ritterlicher Selbstlosigkeit an, den Schenkel meiner Holden doch in seiner Burg einer näheren Fleischbeschau zu unterziehen. Hatte der schmierige Lump doch allen Ernstes erwartet, die Benommenheit könnte meinen wachen Verstand getrübt haben; „Nichts da, Sie buckeliger Hugenott! Hier vor aller Augen sollst du heilen dies zerbrechliche Geschöpf, auf das nicht fauler Zauber fortan ihr Antlitz betrübt!“ Verschüchtert ging er ans Werk, fand bald den Biß einer RedBack (Schwarze Witwe) oder das Gift einer GreenAnt (15 mm messende Ameise) als Ursache des Übels, sinnierte mit der Holden über Charakter und Wesen ihres Unwohles, ob die Pein wohl erst wanderte, dann jedoch zur Quelle zurückkehrte, eilte nach Eis, wurde zutraulich, vertrieb uns die Zeit mit seinem drolligen Tanz. Als die Partnerin feststellte, daß es ihr wieder gutginge, traf auch schon der Rettungstrupp ein. Diese brachten sich sofort aktiv ins Gespräch ein und glänzten durch häufige Wortmeldung und gute Mitarbeit. Als nach einer Weile der Konsens gefunden, daß es wohl ein böses Tier gewesen, dessen Tat aufs schärfste zu verurteilen sei, fühlte ich die ersehnte abendliche Ruhe so nah wie lange nicht. Die Samariter luden uns noch auf einen weitere Kosten verursachenden Besuch auf ihrer Burg hinter den sieben Bergen ein, welchen wir angesichts der glücklichen Heilung und der ausstehenden Rechnung dankend ablehnten, huben sie an zu entschwinden, nicht ohne vorher noch einen Punkt auf die Tagesordnung zu setzen, der mir im Eifer des Gefechts ein wenig entfallen: Wo denn die liebliche Gespielin geweilt, während das Unheil sie ereilt? Ja, wie war das noch, liegend, auf unserem Nachtlager. Ob wir denn die Überreste des Insekts, ach nein, wir hatten es ja nie gesehen. Tja dann, ich solle nur gründlich den Wagen durchsuchen, bevor wir uns das nächste Mal darin betten.
War es die Lüge ins Gesicht des netten Strandordnungsbeauftragten, oder mein heimlicher Groll auf die hilfreichen Iren? Vielleicht der herablassende erste Blick auf den Herrn der Bar? Oder gar meine Überheblichkeit ob der Heilkenntnis des edlen Rettungspaddlers? Jedenfalls hatte mich der Schrecken wieder ein; alle eilten frohen Mutes heim, nur ich stand hier, mit einer zwar genesenen, doch todmüden Holden und der vermuteten grünen Gefahr im Rücken. Doch was solls, Dankbarkeit macht sich breit, es hätte auch schlimmeres das Fleisch der Lieben treffen können. So verabschieden wir uns von einer ruhigen Nacht im Wagen und sind willens, wenige Quadratmeter schlecht gepflegten Rasens auf dem nahen Campingplatz teuer zu bezahlen, dort zu erholen, und im ersten Sonnenstrahl das Innerste nach Außen zu kehren.
Ich hatte meine Strafe akzeptiert, die Lektion gelernt. Nie wieder will ich schlecht denken, über die, welche meinen Weg kreuzen, oder gar die Unwahrheit sprechen. Ach, ich fühlte die Fessel des Verdrusses von meinem Herzen fallen, freies Atmen nach all den Jahren Grolls und Zorns. So hatte die Natur ihren Teil geleistet, mich eines Besseren zu lehren.
So verbleibe ich mit lieben Grüßen und Küssen.

Epilog:
Nur der Vollständigkeit halber: Zeltplätze neigen vor allem zu nächtlicher Stunde zu einer gewissen Verschlossenheit dem Gaste gegenüber. Also irrte ich umher, sah nichts als Schranken und Zahlenschlösser und keinen Hirten weit und breit. Das nette Schreiben der Rezeption, man solle im Falle späteren Eintreffens doch eine der beiden Nummern auf neben befindlichen Telefon wählen, schien die Lösung. Die jugendliche Nymphe auf Leitung Eins flötete, nachdem ich mit Engelszungen um Einlas gefleht, Leitung Zwei sei der Weg zum Nachtlager. Doch Schreck, dort nur „Piep-Piep-Piep“ und weiter nichts. Zwei Versuche, Zwanzig, ewiges Warten – Nichts. Als ich die Eins zum Zweiten wählte, meinte die junge Frau, sie wolle mal sehen, ob sie jemanden erreiche und werde ihn dann schicken. Also verharrte ich, Falten zeichneten meine soeben erst geläuterte Stirn allmählich immer tiefer. Nichts. Auf Zwei alles beim Alten. Flehen, Verdruß, Ohnmacht. Beim Dritten auf der Eins schlägts Dreizehn. Dieses minderjährige Miststück, diese Brut stets besoffener Fischer, diese ... Ignoriert sie doch hartnäckig mein Läuten. Ich werfe hin, ihr und den Erzeugern tausend Flüche und Verwünschungen an den ungewaschenen Hals, ziehe von Dannen, nicht ohne eine kleine mutwillige Sachbeschädigung. Also den Karren und die Liebste geschnappt und nichts wie einen weiteren Taler-Acker finden. Dort zwei schnelle Blicke, links, rechts, die Luft scheint rein, also das Schloß des Tores fix seiner Funktion beraubt und hinein. Leise, kein Licht, die hinterste Ecke. Schnell das Zelt aufgebaut, alle Laken und Kissen abgeklopft, um das bissige Insekt zu vertreiben, dann Nachtruhe – endlich.
Wach – Warum? Kalt – im Schlafsack? Was um Himmels ... Wieso kann ich durch zwei Zeltbahnen die Sterne sehen? Weil die oberste fehlt. Die kuschelt sich unterm Fahrzeug, der peitschende Sturm und der Regen haben sie wohl dahin getrieben. Alle Sehnen vor Zorn zum Zerreißen gespannt suche ich meine Schuhe; vor dem Zelt. Im darin befindlichen Urmeer hat bereits die Entwicklung einer neuen Spezies (mein Fußpilz plus Luftkeime) begonnen. Wo zur Hölle sind diese verkackten Heringe? Liegen rum als könnten sie kein Wässerchen trüben. Also aufs Neue. Begleitet vom Schnarchen der Lebensgefährtin hämmere ich wie ein Bekloppter mit der Anhängerkupplung der Karre die Heringe in den steinharten Boden, den die tonnenschweren Ärsche deutscher Touristen über die Jahre nahe an die Grenze zu Beton verdichtet haben. Höhnisch peitscht mich die Gischt, mein Satinhöschen getränkt vom Regen, mein Haar in klatschenden Strähnen auf der Stirn. Fest! Ich habe unser Fort Knox (26 Dollar = 15,60 EUR) als Feste abendländischer Verbissenheit gegen den Orkan gestellt. Was ich nicht bedachte, war die Inkompetenz des chinesischen Vorschulkindes, welches dieses Elend konstruiert hatte: Die Burg aus Polyester besitzt zwar zwei Seile zur Abspannung, diese befinden sich allerdings an der kurzen Zeltseite. Die Lange schwingt fröhlich im Wind und neigt unseren Tempel bedrohlich gen Boden. Resigniert verkrieche ich mich, versuche unter Verwünschungen Ruhe zu finden. Doch wie soll man schlafen, wenn man den Platz an der sturmabgewandten Seite freundlicherweise der Genesenen vermachte, und der Wind einem das klatschnasse Zelt ins Antlitz schlägt. Hier hilft nur die hohe Schule der Ignoranz, noch jedes Wetter geht vorbei.
Sonne, Morgen, endlich, Kaffee. Raus aus der triefenden Behausung, den jüngst erstandenen Wasserkocher (von eben gleichem Vorschulkind entwickelt) an die Batterie des verläßlichen Partners Kraftfahrzeug angeschlossen, und im Nu Wasser von 24 Grad auf handwarm gebracht. Über meiner Kocherei erwacht die Lotosblüte, reckt sich, erkundigt sich nach meiner Nacht und frohlockt angesichts des bevorstehenden Heißgetränks. Sie springt nur schnell in die Dusche und wäscht die Unwirren der vergangenen Nacht hinweg; ich solle doch derweil noch einmal nach dem Attentäter Ausschau halten und vielleicht ein wenig Ordnung ins durchnässte Chaos bringen. Als nach wenigen 90 Minuten das frische Leben in Gestalt einer gebrausten Prinzessin zurückkehrt und das Lämpchen am tapferen Kocher signalisiert, das die Temperatur des Inhaltes bedrohlich nah an der 30 Grad-Marke rangiert, gieße ich auf und atme durch. 6:30 ist meine neue Zeit des Tages, die Natur erwacht, ich fühle mich wie Odysseus nach überstandener Irrfahrt. Die Mildeste unter den Süßen entspannt noch kurz während ich unsere Habe verstaue, dann aber nichts wie ab.
Auf Los gehts los – ab auf die Chaussee – der Schlüssel dreht sich – nur der Anlasser nicht. Versuch und Irrtum – noch einmal – war wohl nur verschluckt. Irrtum Zwei. Nichts. Hat mich doch die Brut der Überbevölkerung um das letzte bißchen Lebenskraft der Batterie gebracht. Also raus und zum griesgrämigen Nachbarn gesprungen. Der kann vor Lachen schon kaum den Kaffee drin behalten, blubbert was von „Welsche Seide hasse de Badderie?“, feixt, krabbelt in seinen Jeep, gibt Starthilfe. Der Gute Mann, rettet meinen Morgen. Ich danke und grüße sportsmännisch, schaue schnell links oder rechts, ob nicht der Zeltplatzwart umherirrt – den hatte ich schon den ganzen Morgen erwartet, vielleicht pennt der faule Sack auch noch? Tja wer nicht kommt zur rechten Zeit die Miete zu kassieren, der leckt eben Fett. Spinnt wohl, mir für die Tauchfahrt letzte Nacht noch sauer verdientes abknöpfen zu wollen. Also volle Kanne vorbei an der verschlafenen Rezeption dem Abenteuer entgegen – nicht ohne den
amerikanischen Gruß zum Abschied zu winken.
Neuer Tag, neues Abenteuer. Ich hoffe nach dieser Konfrontation mit den bissigen Zyklopen der Natur suchen mich alsbald die Sirenen heim. Doch was soll mit meinen neuen guten Vorsätzen schon geschehen?