Warten auf Regen, 17/09/2006 Verschollen im Weinödland




 
17. 09. 06
Hurra Hurra, der Frühling ist da,
die Vögelein singen trallala... 
Das deutsche Proletariat hat sich vom Navelorangen pflücken inzwischen zum Avocadopflueckteam heraufgearbeitet, sehr verantwortungsvolle Aufgabe, denn grüne Früchte im grünen Baum zu finden, dafür ist nicht jeder geschaffen. Das gute daran: es ist schön schattig im Avocadobaum!
Auch sonst sind unsere Karrierechancen immens gestiegen, unser Chef versucht uns mit selbstgemachtem Wein und Salamiwürsten zum Bleiben zu überreden; S ist schon als nächster Farmmanager eingeplant und überlegt sich auch schon wie er das große Haus, das mit dem Job kommt einrichtet .
Unsere Nachbarin hat Hühnchen und nen Hahn, und versorgt uns immer mit frischen Eiern. Avocados, Citrusfrüchte und Nüsse wachsen direkt neben dem Haus... also was braucht man noch zum Glücklich sein?
Hmmmm... ein Leben vielleicht, Menschen mit denen man sich über andere Dinge als über Weinbau und Orangenpflücken unterhalten kann, eine Kneipe im Radius von mindestens 10 km, ein Kino das nicht nur die letzten Holly-, Bollywood Produktionen spielt, einen Nachtclub, der noch andere Platten als DJ Ötzi besitzt,
Noch einen Monat, dann sind wir hier weg... yippi!
Und nicht nur das, wir werden auch unseren Mitbewohner (47, zahnlos, auf Drogenentzug, mit nem „kleinen“ Alkoholproblem, passionierter mit-sich-selbst-Unterhalter, und Hobby-Fernsehschauer) hinter uns lassen dürfen.
Oh, sehnsuchtsvoll schaue ich auf die alten Tage, in der Richard-Lehmannstrasse zurück, als ich noch mit Menschen wohnen durfte.

Dafür dürfen wir aber immer Traktorfahren, was vieles wieder wett macht.




Freiheit für Niederbayern!
Sun, 22. Oct 2006 07:46:23 +0200
Freist Du auch die schärfste Braut,
kriegt sie alsbald Orangenhaut.
Mit diesem baeuerlich-frivolen Zweizeiler möchte ich in der mir eigenen Weise auf das dringlichste Problem der kontemporären Gesellschaft aufmerksam machen - die exponentiell voranschreitende Deformation der demographischen Verhältnisse aufgrund medial influierten Festhaltens an einem realitätsfernen und menschenverachtenden Jugendlichkeitswahn, welcher die totale Vernichtung und Ausrottung unserer Art zur Folge haben wird, usw.- Daher mein priesterlich fordernder Appell an Euch, liebe Lesenden:

Gönnst Du Dir nur genügend Schnaps,
schlüpft Oma Erna in den Straps!


22/10/06
Bäume klettern is nicht so dolle wie es klingt, weil die blöden Apfelsinenbaumdinger ganz schön spitze Stacheln haben, jaja das denkt man nicht, wenn man so ne schön abgepackte Tüte im Supermarkt kauft, da sehn die total freundlich orange aus, sind se aber gar nicht!
Meine armen Ärmchen sind schon ganz schön dolle zugerichtet... noch eine Woche dann sind wir weg! Da kann der Chef noch so dolle weinen!
Außerdem isses hier inzwischen so scheiße heiße, daß wir ganz früh anfangen müssen mit pflücken und dann immer ne fette Siesta einlegen, um dann am späten Nachmittag weiterzupflücken, und das ist gerade mal der Frühling, und noch nicht mal in der wärmsten Gegend...
Die Aussis sind ja so doof... ich weiß gar nicht wo ich da anfangen soll, zu beschreiben wie doof die sind, schluchzschluchz und wir mittendrin... Ja, wo soll man da anfangen... damit daß alle so schockiert sind daß der Boden immer mehr austrocknet und in manchen Gebieten seit 6 Jahren kein richtiger Regen mehr gefallen ist, aber trotzdem ständig tausende Tonnen von virtuellem Wasser, in Form von Apfelsinen, Baumwolle und Reis exportiert wird, damit daß jeder hier fett ist, du aber auch überhaupt null Produkte ohne Zucker (sogar in Mayonnaise) findest, daß viele Produkte auf dem Land schweineteuer sind, weil alles mit Trucks transportiert werden muß und funktionierende Güterzugverbindungen einfach nicht existieren, daß die jetze Wasserflaschen aus Neuseeland importieren wollen, wobei eine einfache dicke Wasserpipeline aus den Wasserreichen Gebieten im Norden ( oder auch nachhaltige Wasserwirtschaft) das Problem beheben würde........
Ich mein das sind ja alles politische Probleme aber  hier im totalen Dumm-Bauern-Gebiet kommt ja noch dazu, das die nichts anderes können, und tun als fernsehen und biersaufen.
Alle reden ständig davon, daß sie in ihrem tollen grossen Land so viele Freiheiten haben, bei uns in Europa ist Freiheit ein mentaler Zustand, hier bedeutet Freiheit, daß Du soviel Müll in den Wald schmeißen darfst wie Du kannst.
Jetz werd ich schon wieder ganz negativ, aber es ist auch so traurig wenn Du einerseits siehst, wie toll das Land ist und andererseits hast Du so einen Haufen blöder Strafgefangener, die es nicht schaffen über die natürlichen ökologischen Ressourcen zu Reflektieren, sondern einfach ne Kuh auf‘n Acker stellen, weil Rindfleisch das einzige ist was sie kennen. Und wenn die Kuh dann verdurstet jammern die Idioten auch noch rum!
Egal, noch ne Woche, und wir haben Urlaub und fahren erstmal für drei Monate durch die Pampa. Dann sieht das Leben auch wieder gut aus. Wenn Du den ganzen Tag Orangen pflückst kannst Du ja nur depressiv werden. Ich hätte eh nicht gedacht, daß ich die Arbeit drei Monate durchhalt. Das große Plus bei Feldarbeit ist ja sowieso, daß Du essen kannst was Du willst ohne daß Du zunimmst... und daß mußten wir natürlich auskosten, ich hoffe nur daß wir die Umstellung auf normales Essen wieder schaffen, ab nächster Woche (grins/schluchz)
Nee du, Landleben ist vielleicht für Schriftsteller und Eremiten was tolles, aber für mich nicht! Ganz ehrlich: man muß das mal mitgemacht haben, nur um sagen zu können: „Von dem Traum eines Häuschens auf dem Land bin ich geheilt!
Ach ja, die grossen Neuigkeiten: Wir waren mit unserem Chef angeln und: Ich habe einen Fisch gefangen, jippii (S nicht) Und er schmeckte guuut! (Gott sei Dank hat den jemand anders für mich ausgenommen)
Und, ist eine von den Schwangeren schon geplatzt?
Bei Juli gibt‘s auch nix Neues Die beschwert sich nur ständig, daß der Lindwurm nicht raus will wo doch draußen viel mehr Platz is.
Der Hund gehört natürlich dem Mitbewohner, und genauso dumm is er auch...
Sex... naja, pflück Du mal 9 Stunden am Tag Apfelsinen, dann können wir uns nochmal über Sexdrive unterhalten. Wenn wir nach Hause kommen, und noch Lust haben die Brote für den nächsten Tag zu schmieren bedeutet das, daß wir Energiegeladen sind. Manchmal bin ich sogar zum Fernsehnschauen zu müde... aber es geht ja bald an den Strand...
Urlaubspläne? Na erst mal ganz hoch in den Norden, bevor es da zu heiß und humid wir, und dann kämpfen wir uns drei Monate lang an der Küste herunter am Strand entlang .
Ansonsten ist alles beim Alten, die Känguruhs hopsen lustig vorm Auto herum, der Sternenhimmel ist ganz wunderbar. Unser Zahnloser Mitbewohner hat sich ein Gebiß machen lassen, (damit sieht er auch nicht besser aus, sondern lispelt jetzt auch noch). Die Zirkaden zirpen ganz immens, Freitags gehen wir immer in den „Workmansclub“ essen, mit den alten Leuten, Sonnabends gehen wir immer zur Weinverkostung nachdem wir unsere Einkäufe erledigt haben (wie die alten Leute) und Sonntags schwimmen wir immer im öffentlichen Bad mit den Kindern und den alten Leuten... ein Leben wie aus dem Bilderbuch eben.


Sonderzug nach Mekka
Thu, 26. Oct 2006 11:57:33 +0200
Nur wenige Sekunden konfuzianischen grübelns genügen, um Harry Warren als Schöpfer des unvergessenen „Chattanooga Choo Choo“ in Erinnerung zu rufen.
...
Ich hätte nie gedacht, einmal diese abgedroschene Floskel heranziehen zu müssen, aber: Wer googeln kann, ist klar im Vorteil. So - mehrere kubische Meter Verbrennungsrückstände auf mein Haupt.
Ehre dem Proletariat anzugedeihen gehört ab sofort zu den Aufgaben derer, die nach uns kommen werden. Wir sind raus. Fertig mit dem Business. Schicht. Aus. Am Samstag starten wir die bereits panisch geschilderte Odyssee (wieviel E in Odysseeeee?) mit einem auf Hochglanz polierten Karren. Hab ich mich selber übertroffen. Freier Oberkörper, beide Muskeln an der frischen Luft. Aber S hat mich ausgelacht und immer „Carwash, Carwash“ hinter mir geäfft. Naja, die wird schon sehen, was sie davon hat, wenn ich sie prompt am entlegensten Rastplatz der südlichen Hemisphäre vergesse.

Was will bitte die gesammelte Seminarpossy in Wien? Ist der Rocker-Sebastian schon eingetrudelt und mimt den Märchenprinz? Und Evi; strebt die eine Karriere als architektonisch tätige Schampusschlampe an? Mann, Mann, Mann, nirgends hat man seine Ruhe. Hier genau das selbe - im Internetcafè hier haben 90% einen deutschen Paß. Mann, Mann...

Mit opportunistischen Grüßen

26 10 06
Direkt von hier, aus „zwischen den Stühlen...“;
Die Ernte ist vorüber, und wir packen unsere sieben Sachen, nähen dem schönen Autochen geschmeidige Behänge, damit es sich züchtig verhüllen kann (ganz im Sinne der Kopftuchdiskusion), polieren noch ein letztes mal den blinkenden Lack (d.h. S tut das schon zum siebenten Mal) und werden dann am Samstag mit wehenden Fahnen aus dem schönen Mildurastädtchen ausziehen um das gruseln (Alligatorenkontakt) zu lernen.
Ganz Victoria wird mit gezueckten Taschentüchern, und einer einzelnen Träne im Auge unserem Schlachtroß hinterherwinken.
Erst geht es mit der Nase gegen den Wind nach Broken Hill, wo wir dann von Kamelen getragen, die Minen des goldenen Glückes erkunden werden...
Wie auch immer, die Arbeit ist vorbei, und wir können uns endlich hier verpissen!
Das heißt drei Monate Urlaub, und Australalien anschauen, und dann nach nem RICHTIGEN Job, für ein halbes Jahr suchen. Da wir ja jetzt auch die Landarbeit hinter uns gebracht haben, können wir auch jederzeit um ein Jahr verlängern. Mal sehen was so herauskommt, vielleicht sind wir ja in drei Monaten schon wieder in Leipzig...
Verstehe ich das richtig, daß jetze ne Leipziger Kommune in Wien aufmacht? Womit hast sind die nur alle bestochen?
OhhJa, um das Bierchen beneide ich Dich dolle, wie gesagt ist hier alles was Bier heißt dürre Brühe, und hat den Namen nicht wirklich verdient!
Mit dem Festnetz ist das so ein Problem, das Kabel reißt immer wenn ich mit dem Auto losfahren will, ich weiß auch nicht.

Frei nach dem soweit-sowietischen-Proletariatstheorem:
nicht meckern sondern lümmeln
Seid bereit-spuckt ganz weit
Sport frei




Fri, 27. Oct 2006 11:19:53 +0200
Sehr geehrter Zoovorstand,
Nachdem sich nun 3 Monate Maloche unter orangen Orangen dem Ende neigen und ich feststellen mußte, daß wir Unmengen an verdienter Kohle schon wieder für sinnlose Saufeinlagen in den sündig teuren Pubs verballert haben, steht nun der Entschluß, daß der Mensch was sehen muß. Also besteigen wir am kommenden Samstag unser durstiges Dieselroß und schippern innerhalb des Outback (also außerhalb des Inlands) gen Norden, welcher sich für den mittelmäßigen Mitteleuropäer eher wie der Süden anfühlt; wogleich - obwohl magnetisch anders rühren, sie beide zum Äquator führen. Sollten sich meine Erwartungen für diesen Abschnitt der Reise nicht erfüllen (einsamer Tod durch Dehydratation bedingt durch Flüssigkeitsmangel bedingt durch Treibstoffmangel bedingt durch Partnerinnengenörgel), werden wir in einem schlieffengleichen Flankenzug nach Cairns einfallen, um bei 38 Grad / 90 % rel. Feuchte farblich und konsistente Ähnlichkeit mit einem englischen Pudding zu erwerben. Man muß sich daß mal reinziehen - gehst du hier ins Schwimmbad und siehst dir die Mitmenschen genauer an, erkennst du sozialen Status und Erwerbstätigkeit auf einen Blick:

Wenn (Körper und Gesicht = braun, und Größe < 165 cm), Dann (Abiturientinnen und/oder Schampusschlampen)
Wenn (Körper und Gesicht = braun, und Größe > 165 cm), Dann (Arbeitsscheues Gesindel mit eigener Hängematte)
Wenn (Gesicht = braun, aber Körper = rot gesprinkelte Rauhfasertapete), Dann (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: A (Landarbeiter) oder B (Deutsche Abiturientin))

Nun ja, bis dahin ist es vor allen Dinge weit. Wird sich zeigen, wie sich bis dahin die Dinge entwickeln. Man muß ja sehen, wo man bleibt. Denn, die Zeiten sind nicht mehr die, die sie waren, bevor sie zu dem wurden, was sie sind.
Wenigstens konnten wir einen Teil unseres immens anwachsenden Haufens Krempel und Rödel auf Nick und seine Gattin abwälzen. Die haben sich dankenswerter Weise bereit erklärt, die für den australischen Busch unerläßlichen Utensilien (z.B.. Laptop, Tabellenbücher, Anzüge, etc. pp.) während unserer Abwesenheit aufzubewahren. Trotz der relativ kurzen Zeit die wir sie nur kennen, und gemessen am Umstand, daß er letztlich „nur“ der Arbeitgeber war, ergab sich doch ein recht sentimentaler Abschied. Einziger Trost: die haben unseren Krempel, also werden sie uns so schnell auch nicht los. Aber gut - was man nicht dabei hat, kann keiner klauen. Wir haben uns noch ein wenig Campingkrempel zugelegt, ohne dabei die Brieftasche überzustrapazieren, aber der Herd fehlt mir jetzt schon. Dazu kommt, daß hier an vielen Tagen und in einigen Landstrichen generell Feuerverbot herrscht, welches auch offenes Licht und Campingkocher impliziert. Wie komm ich früh zu meinem Instantkaffe? Vielleicht finde ich einen Minikocher für die Autobatterie. Karge Zeiten werden daß, doch hoffentlich bleiben sie auch schlanke. Unvorstellbar, wenn du hier auf die Strasse und in die Gassen (die gibt‘s hier aber gar nicht) schaust - Fette soweit das Auge reicht. Zwischendrin ein paar superdürre Mergelgestalten (Modell „Bergen-Belsen“ mit fundiertem Drogenhintergrund) mittlerem Alter und ein paar kleine Mädels mit schlanken Hüften, denen aber angesichts der sie umgebenden Fettleibigkeit der paarungswilligen Herren auch nur die Flucht in die Fülligkeit bleibt, um nicht geistigen Schaden davonzutragen. Und die Kinder, nein, nein, nein. Noch nicht mal eingeschult, aber schon einen Oberkörper wie der Fröhlich Manfred. Und so weiter und so fort. Ich sehe Familien, die den Altersunterschied der Kinder am Bauchumfang derselben festmachen können. Was soll aus den armen Dingern mal werden? Im Radio toben Diskussionen über Ursachen und Gegenmaßnahmen, Krankenkassenkosten und Hilfsprogrammen, schulische Ernaehrungsbildung und Nährwertinfos auf Verpackungen. Aber NIEMAND spricht darüber, daß beispielsweise ein typisches Freitag-Abend-Mahl im Kreis der Familie aus Pommes Frites (1 kg für 4-5 Personen), fritiertem Fisch (2 große Filets p.P.), Barbecue-Sauce (97% fettfrei, aber 35% Zucker, so wird hier geworben) und Diät-Cola besteht. Und das sind keine Einzelfälle - Konsens. „TAKE AWAY - Fish‘n‘Chips“ an jeder Ecke.

Es gibt noch 1000 andere Dinge, über die wir uns stundenlang aufregen, weil sie einfach dumm und unreflektiert sind. Aber es kristallisiert sich ein deutlicher Unterschied heraus. Oder lügen die Politiker hier einfach anders? Ich bin mir nicht ganz sicher, jedenfalls sind die Leute trotz haarsträubender Probleme (böseste Dürre seit 400 Jahren, vielleicht KEINE Ernte nächstes Jahr, etc. pp) ZUVERSICHTLICH und BISSIG, trinken erstmal ein Bierchen und faseln über Möglichkeiten, wie man die Klippe umschifft oder wen man anpumpen kann. Gejammer wie bei uns und „ach ja, wie soll das weitergehen“ wie bei uns? Fehlanzeige. Aber wie gesagt, vielleicht belügen die sich nur einfach besser.




Ich bleibe aufmerksam und berichte Neues!