Endlich bekommen wir S’s neue Band zu Gesicht. Shoegaze stand nicht unbedingt ganz oben auf meiner Liste, aber »Sorry, Dave« spielt im »Tote«. Da waren wir seit den Demos gegen die Schließung in den 2010er Jahren nicht mehr. Wir sind alle super begeistert, als wir »Sorry, Dave« zum ersten Mal höheren.
Tripple RRR sagt über »Sorry, Dave« : „Sorry, Dave, beeinflusst von Bands wie Slowdive, My Bloody Valentine und Beach House, schlägt mit ihrem Shoegaze-Sound eine einzigartige Richtung ein. Ihre aktuellste Sammlung von Songs bewegt sich geschickt zwischen ruhigen, reflektierenden Momenten und intensiveren, von Feedback durchzogenen Riffs, die von sanften, ätherischen Gesangsstimmen begleitet werden.“; Nice.
Auf ihrem zweiten Auftritt haben sie dann allerdings leider nicht so viel Glück. Alle unsere Freunde sind da, um die Band zu höheren. Es ist Bs&KKs Geburtstag (1. April, wie passend) und die ganze verrückte B-Familie mit Cousinen und Cousins ist mit am Start. S kommt völlig zerstört herunter und meint, die Anlage wäre nicht richtig eingestellt. Dass S überkritisch mit sich und seiner Umwelt umgeht, kennen wir ja, also macht sich niemand ernsthaft Sorgen. Als ich dann allerdings in den Bandraum gehe, um mir die anderen Bands anzuhören, bin ich wirklich geschockt. Die Anlage ist so extrem schlecht eingestellt, dass man nicht ein Wort der Sängerin hört. Bei einem Cover von Alanis Morissette, bei dem jeder im Raum mitsingen könnte, stehen alle nur ratlos herum und kratzen sich am Kopf; dass Shoegaze knarzen kann, verstehe ich, aber das hier geht über normalen knarz heraus.
Der verantwortliche Tontechniker ist sehr zufrieden mit sich selbst. Obwohl im gemütlichen Zwei-Minuten-Rhythmus Leute aus dem Publikum kommen, um sich zu beschweren, scheinen seine Antidepressiva gut eingestellt zu sein (man will ja nix Böses unterstellen), das stört ihn nämlich gar nicht. Mit einem super unguten Gefühl macht sich »Sorry, Dave« auf, um zu spielen. Das Ganze ist doppelt Mist, da das auch noch die letzte Show der Sängerin ist, die danach nach Berlin zieht.
Erstaunlicherweise retten sie die Situation ein grosses Stueck mit ihrer energiegeladenen Bühnenpräsenz. Von der Sängerin hört man frustrierender Weise nix, aber einer von den M’s springt ins Publikum, da hat er nicht viel zu springen; der Bandraum ist nicht groß und ersetzt den fehlenden Ton vor Ort durch Mimik und Gestik.
Danach gehen alle feiern, ich bin sehr betrunken und kann nicht verstehen, warum Schwulenclubs seit Jahrzehnten immer die gleichen drei Lieder spielen, es muss doch mehr als »Gloria Gaynor« und »Pet Shop Boys« geben. So richtig authentisch sieht das Ding sowieso nicht aus, die meisten Besucher sind weiße Hetero Männer, die sich mehr Chancen ausmalen, wenn sie Mädchen in Schwulenclubs anbaggern. Fat Chance; aber das hat bei uns vor 25Jahren ja auch funktioniert, und zwar zur gleichen Musik; muss ich hier noch mal anmerken.
Am Mittwoch darauf hat B das erste Mal Bandauftritt. Bei ihm in der Schule ist es üblich, dass alle Kinder, die Interesse daran haben, im Musikunterricht eine Band gründen. B hat so supergroßes Lampenfieber, dass er in Betracht zieht vor sich eine Wand aus Notenständern zu bauen oder aber Mütze und Schal im Hochsommer zu tragen. Sehr zu seinem Unwillen spielt er Bongos, diesen Term, und kein Klavier. Wenn man allerdings sein Lampenfieber mit einrechnet, ist das nicht das schlechteste, so kann er sich erst mal an seinen Auftritt gewöhnen und muss sich nicht auf Noten konzentrieren, sondern nur auf Rhythmus.
Von 21 Bands ist seine Band Nummer 14, also müssen wir uns nur durch die Hälfte der sehr begabten und inspirierten Kinderauftritte quälen, mit Bands wie die »ZombiLangweiler« und Texten wie: »Ich will mein Gemüse nicht essen«. Anderer seit ist das auch eine gute Gelegenheit, mit anderen Eltern zu tratschen und am Ende sind alle stolz und glücklich, dass es vorbei ist.
Einmal im Term ist auch Frühstücks BBQ und seitdem sich S beim ersten als Aushilfsbratmeister eingeschrieben hat, ist er jetzt für immer und ewig verpflichtet früh, um sieben dort anzutraben und Spiegelei mit Speck zu grillen. B und ich finden das gut; wir kommen dann gegen acht anspaziert und holen uns unser Grill-Frühstück ab. Meistens gibt es auch noch einen kleinen Kaffeevan mit zwei lesbischen Deutschen, die erzählen uns dann immer Geschichten von zu Hause, auch nicht schlecht. Als ich auch noch ein Kind mit einem Trikot vom RB Leipzig entdecke, reichts mir dann aber auch und ich gehe.
Und schon ist auch Ostern; wie immer ist hier ja alles umgedreht. Ostern fühlt sich nicht an wie ein Frühlingsfest, sondern eher wie Erntedank. Und so wird bei uns auch gekocht. Es gibt einen großen Braten mit allem und extra Rotkraut fürs Kind. Wir machen einen ausgedehnten Flussspaziergang, um ein paar Herbstzweige zu pflücken. Wegen Niesel versteckt der Hase größtenteils im Haus und wie immer halten die Schokoeier nicht wirklich lange. Am schönsten findet das Kind die Hasenpantoffeln und den Bademantel, den der Hase versteckt hat. Damit kann man jeden Tag Bettchentag machen, und braucht nie wieder aus dem Haus zu gehen. Aber die Mutter scheucht zum Osterspaziergang. Ob das Kind an den Hasen glaubt? Man weiß es nicht, magische Wesen werden in diesem Haus nicht mehr diskutiert. Solange nicht darüber geredet wird, ist die Welt noch in Ordnung. Das Kind ist klein und ein Ende der Kinderzeit nicht in Sicht. Auch das Kind hat noch keine Lust, den endgültigen Schritt in die Erwachsenenwelt zu machen.
Dann kommen Freunde für Kuchen und Schokoeier. Der Kuchen sollte ein Apfelhefezopf werden, schmeckt aber eher wie ein Brot. Da muss ich wohl nochmal dran arbeiten. Als wir den Teig dafür vorbereiten, stellen wir fest wie befriedigend es ist, wenn die Milch und das Mehl zu blubbernden Teiglandschaften verlaufen und wollen schon alle unsere Kameras zücken um Instagram Fotos zu machen. Wie viel befriedigender ist es allerdings, wenn man die Dinge nicht aufnimmt und einfach nur hinterher starrt. Deshalb gibts davon hier kein Foto.
Am Ende gehen wir mit Shuggie, dem Hund der Mutter meiner Freundin, der um die Ecke wohnt, spazieren. Ich stelle fest, dass wir den öfter mal ausführen könnten, wir wohnen ja um die Ecke; und schon haben wir einen Dienstagshund. Nice.