März
Eines schönen Sommerabends sitzen wir etwas länger in den nächtlichen Stunden auf dem Balkon und schlürfen an unseren herunter gewässerten Weißweinen, als ich denke, guck’ mal, und der Fuchs die Treppe herauf gestiefelt kommt. Ich meine, ein Fuchs in Deutschland, damit kann man rechnen, aber hier? Nicht nur, dass das höchstgradig ungewöhnlich und unwahrscheinlich ist, ist es auch noch schrecklich für die Umwelt und das benachbarte Tierreich; die armen Vögel. Ich mag es ja nicht mal, wenn Menschen ihre Katzen nachts herauslassen. So leid es mir tut, die gehören hier einfach nicht her. Nicht nur, dass die dämlichen Engländer, als sie damals ahnungslos und selbstverliebt hier antanzten, ihre unpassenden Häuser verkehrt herum aufstellten, weil sie nicht sahen, wo die Sonne aufging; ihre Hasen und Rehe freiließen, damit die Bessergestellten sich ihre Zeit mit Hasen und Rehjagd vertreiben konnten und dann später auch die Füchse! Ist ja klar, wie bekommt man die Hasen unter Kontrolle, wenn sie sich vermehren wie, na ja eben die Hasen? Richtig, mit Füchsen!
Der Fuchs schaut etwas hungrig und sucht nach den Meerschweinchen, als er uns dann doch zu freundlich wird, jagen wir ihn vom Balkon.
Jetzt, wo wir wieder hier in Fitzroy North wohnen, ganz in der Nähe unseres früheren Hauses, und während ich im Piedimonte Brot hole. Am Tinpot auf einen Kaffee vorbeifahre. Alles nach warmen, sommerlichen Eukalyptusholzschnitzeln riecht. Da muss ich daran denken, wie lange es her ist, dass wir alle zum ersten Mal hier gelebt haben. Und wie anders alles ist. Vorm Piedimontes singt immer noch jederzeit jemand, wie in einer Gillmore Girls Parodie, in den Pinnackle kann man nicht mehr gehen, die sind doof. Die "Band who knew too much" gibt es wahrscheinlich auch nicht mehr. Aber das Gefühl ist immer noch das Gleiche.
B feiert seinen Geburtstag nach, da er zu seinem vorigen noch keine Freunde hatte, im Luna park. Dort herrscht Kommunismus, die Langsamkeit der Angestellten ist vorbildlich und man muss garantiert keine Angst haben, dass es den Kindern schlecht wird, weil sie zu oft Achterbahn fahren. Die stehen nämlich meistens in variablen Schlangen und warten, dass sie reingelassen werden. In der Geisterbahn gibt es ZWEI Wagen. Die Schlange dauert 40 Minuten. Den Kindern machts nix, die Vorfreude ist mehr wert.
Im deutschen Radio gibts mal wieder nur Fußball, ich gehe lieber die Garage aufräumen und an meinen Glasern schrebbeln, der Winter kommt dieses Jahr zeitig. Das Jahr in Melbourne ist verregnet, normalerweise waren die Abende und Nächte sonst immer warm bis heiß, im März dieses Jahr nicht.
Dafür wächst mein Wintergarten, überall nehm ich Pflanzenausschnitte mit oder kauf mir Minisetzlinge. Aus der einen Monstera, die die Sonne fast gefressen hatte, hab ich 5 neue herausbekommen, einen Gummibaum hab ich aus dem Straßengraben gerettet. Auch eine ausgesetzte Zimmerlinde, die überhaupt keine Blätter mehr hatte, und jemand am Straßenrand vergessen hatte, bekommt wieder erste Triebe.
Wir haben Tickets für »Peaches«, ich finde es cool, S findet das fühlt sich zu sehr nach Aktionismus und Feminismus der Neunziger an. Nackte Omas und Riesenpenis auf der Bühne is nix für ihn, er geht nach ner halben Stunde. Textet mir dann aber im 5-Minuten-Rhythmus, wie toll die Band im »Wesley Ann« ist, die er gerade schaut. Ein bisschen übertrieben vielleicht. Dass Electroclash nicht seins ist, hätte ich ahnen können.
Dafür hat er angefangen Marathon zu rennen, das findet er gut, aber sein Rücken ist nicht so begeistert und bald kraucht er nur noch wie ein Opa.
Ende des Monats finden die kostenlosen klassischen Konzerte im »Sidney Myer Bowl« statt, seit Corona ist man öffentliche Veranstaltungen nicht mehr gewohnt. B ist super begeistert bei Tschaikowski, den mochte er, seitdem er ein Baby war. Ich hab noch ein Video, auf dem er kaum stehen kann, aber fröhlich mitschwingt und super begeistert tanzt. Jetzt tanzt er nicht mehr, mag es aber trotzdem. Wir packen ein Picknick und halten einen Platz frei, bis S nach der Arbeit zu uns stößt. All die Rentner der Stadt sitzen hier mit ihren Campingstühlen wahrscheinlich schon seit früh und essen ihre mitgebrachten Eierschnittchen. Als wir kommen ist kaum noch ein Plätzchen für die Picknickdecke frei und dabei kommen die ganzen jüngeren Leute jetzt erst in die Puschen.