Danach gehts wieder zurück zum Strand, diesmal bekommen wir einen Standplatz im Rentnerheim.
Jeden Morgen schnappt sich das Kind als Erstes seine Badehose und springt ins Meer. Ich schwöre, wenn ich es nach drei Stunden nicht wieder rausziehen würde, wäre es nach 'ner Woche immer noch am Planschen, mit rot unterlaufenen Salzwasseraugen. Er würde den ganzen Tag in den Wellen verbringen und am Ende wie ein Schrumpelmonster wieder rauskommen. Ich halte es nur eine Stunde aus. Die Sonne brettert so extrem runter, dass ich mich am ersten Tag trotz mehrmaligen Einölen verbrenne. Danach liege ich nur noch mit langen Klamotten am Strand herum, allerdings bin ich da nicht die einzige. Nur englische Backpacker lassen in Australien am Strand ihre Körper raushängen. Braungebrutzelte Schrumpelkörper mit herabblätternden Hautlappen sind seit den Millennials nicht mehr in.
Nachmittags laufen wir meisten nach Barwon ins Annie’s. Da spielen wir ’ne Partie Rommé oder das Kind kann unter Protest seine Hausaufgaben machen, und dann ist der Tag auch schon vorbei. Das ist das erste Mal seit ich weiß nicht wie lang und vielleicht überhaupt, dass wir im Urlaub nichts tun. Dem Kind fetzt es und ich find’ es zur Abwechslung auch mal nicht so verkehrt. Städtereisen und Abenteuerurlaub haben ihren Platz, allerdings sind die Städte hier nicht so abenteuerlich, dass es mich danach verzehrt. Und immer nur Natur ist mir nach 'ner Weile auch zu Öd.
Sexualisierte Fruchtlieder von Harry Styles haben sich inzwischen überdudelt und niemand kann mehr Gesinge über Wassermelonen hören. Nachdem wir im Winter stundenlang mit Kate Bush den Hügel hochgerannt sind, gehts jetzt mit Fleedwood mack wieder runter.
Gute Freunde wohnen ganz in der Nähe und wenn wir wirklich mal Abwechslung brauchen, laden wir uns dort ein, um Freundschaftsarmbänder zu knüpfen und Bier zu trinken. Am Ende gehts glücklich wieder nach Hause. Das Kind hat für Wochen rote Salzwasseraugen und keiner kann mehr Strand sehen, wie gut, dass wir in drei Wochen in unseren „echten“ Sommerurlaub an den Strand nach Perth fahren.
Als ich nach Hause komme, finde ich einen Brief. Zwischendurch war ich mal zu Hause in FitzNorth, um mit meiner Mädchengruppe Weihnachten zu feiern und einen kleinen Herzinfarkt wegen der laufenden Klimaanlage zu bekommen. In vorfreudiger Erwartung war die Bremse nicht wirklich mein Freund. 9 km/h überm Speedlimit (110 km/h) macht 230 australische Dollar Strafe. Ein verspätetes Weihnachtsgeschenk.
Zu Hause, stelle ich allerdings auch super erfreut fest, dass meine Monstera deliciosas die ich schon fast abgeschrieben hatte, noch am Leben sind. Voriges Jahr hatte ich die an der falschen Stelle in den Garten gestellt und die Sonne hatte sie fast vollständig zu Asche reduziert. Inzwischen haben sie sogar neue Blätter bekommen, vielleicht wird ja doch noch ein 70er Jahre Wintergarten aus der Bowlingalley. Zur Feier des Tages mache ich Teufelseier und denk mir, nicht swingen, aber essen wie in den 70ern. Da fällt in der Einfahrt vor Schreck der Ast vom Baum, den haben die Termiten abgefressen. Die Leute von der Stadt sagen, sie haben keine Lust, den Baum zurückzuschneiden. Drei Tage lang hat S Angst, das Auto in der Einfahrt zu parken, dann vergisst er es und ich werd’ ihn auch nicht dran erinnern.
Solange die Ferien noch anhalten, mache ich mit B großes Unterhaltungsprogramm. Eine Freundin kommt von der Küste nach Melbourne, ihr Sohn ist genauso alt wie B und auch ein bisschen neurodivers, aber in die andere Richtung. Die beiden verstehen sich gut. Ich hole sie am Southern Cross ab und stelle wieder einmal fest, dass sich die Stadt seit Covid geändert hat. Je mehr der Bahnhof zur Schmuddelecke der Stadt verkommt, blühen die Gegenden drumherum. Wo früher nur verwahrloste Tristesse war, gibt es jetzt kleine Ladenzonen mit Kaffees. Das Hilton und einige Corporates bauen Landschaften und Wohlfühlzonen.
Wir wollen ins Lume, das eine Ausstellung über die Impressionisten zeigt. Auf dem Messegelände neben dem Casino werden impressionistische Maler auf riesigen Lichtwänden gezeigt. Persönlich hätte ich das ganze wahrscheinlich als albernen Stuss abgetan, aber die Kinder finden es gut, das sollten sie bei dem Preis auch lieber. Als dann auch noch „Clair de Lune“ und dann der „CanCan“ gespielt werden, ist B überzeugt. Glücklich über so viel Kunstverständnis gehen wir zum Sushitrain.