Das Kind findet im Moment alles cringe und odd,
ich finde Socken in Highheels sind odd und Eshey Frisuren sind cringe.
Wenn wir alle ehrlich sind, haben wir in unserem Leben mindestens eine peinliche Phase durchgemacht, in der wir uns später gefragt haben, was wir uns eigentlich dabei gedacht haben – ganz klar Teil des Erwachsenwerdens!
Das Kind möchte Billard spielen lernen, also machten wir uns auf, in die Spielarkade um die Ecke. Er ist superaufgeregt. Als ich ihm das Spiel beibringen will, muss ich allerdings feststellen, dass ich auch kein Loch mehr treffe. Jetzt frage ich mich ernsthaft, ob ich schon immer so eine Null im Pool war oder es einfach nur verlernt hab? Mehr üben hilft hoffentlich. Das Gleiche gilt auch für Pingpong, aber da war ich schon immer mittelmäßig drin, auch wenn es super viel Spaß macht.
Während es in Deutschland zur Fußball-WM Abend ist, habe ich gerade meinen Kaffee zum Frühstück. Ich dachte, das ist eine großartige Gelegenheit, die Spiele live zu sehen. Ich hatte mir allerdings nicht vorgestellt, dass die ersten Spiele schon so schlecht laufen würden, dass ich es bereute, aufgestanden zu sein. Als dann auch noch das deutsche und das australische Team gleich am Anfang ausscheiden, nehme ich mir vor in Zukunft gleich im Bett zu bleiben. Ich kann nicht glauben, dass man darauf 4 Jahre lang wartet und sich dann auch noch ein schlechtes Gewissen machen lässt, wenn man mitschaut. Nur um super unterdurchschnittliches Rumgehopse anschauen zu müssen, Enttäuschend! Wenigstens tue ich nicht so, als hätte ich aus ethisch und verantwortungsvollen Gründen abgeschaltet. Vielleicht sollte man aus ökologischen Gründen das nächste Mal besser vorbereitet sein bei der Wahl des Gastgeberlandes und nicht erst am Ende, wenn der Pokal schon in den Brunnen gefallen ist, mit den Buhrufen anfangen.
Inzwischen hat es sich eingespielt, dass ich alle Geschenke aller Verwandter fürs Kind und den Mann, für Geburtstage und Feiertage ausdenke, raussuche, bestelle, einpacke und Karten schreibe. Wenn das erledigt ist, mache ich dasselbe für alle die eigenen Geschenke, die ich verschenken möchte.
Damit ist der größte Teil meines Dezembers vorbei.
Dann plane ich ’ne Supergeburtstagsparty für S.; und nebenbei ist Dezember die Hauptumsatzzeit für mein Glasbuissness. Da bleibt meistens extrem viel Zeit für die besinnlichen Adventstage … wer braucht schon besinnliche Stimmung, wenn er ’ne Aufgabe hat, der wahre Geist der Weihnachtszeit!
S’s neue Band macht Shoegaze, eine willkommene Abwechslung zum üblichen und inzwischen angestaubten Britpop. Ich schätze die Ironie, da ich gerade lese, dass Britpop Shoegaze zuerst gekilled hat. Alle sind gespannt auf den ersten Auftritt.
Die Geburtstagsparty von S. ist super Fun. Eine Riesenmeute versammelt sich um vegane und nicht so vegane Gulaschtöpfe und Vanillepudding mit Streuseln. Gegen eins werden wir von zwei peinlich besoffenen Mädchen vom benachbarten Airbnb überfallen. Als die merken, dass sie zu dörflich sind, ziehen sie ganz schnell wieder ab, vergessen allerdings ihre Jacke. Am Ende des Abends, (S. ist schon lange bewusstlos mit seinem Eimerchen ins Bett gefallen), schließe ich das Haus ab und lösche die Lichtchen. Ich bin mir super sicher, dass ich die Jacke von den zweien an den Kleiderhaken gegenüber der Tür gehängt habe. Am nächsten Morgen stehen wir auf, da ist sie da allerdings nicht mehr da?
Eine ganze Woche lang machen wir uns Gedanken darum, wie die zwei in unser Haus gekommen sind, um ihre Jacke herauszuhexen. Und ehrlich gesagt finde ich es auch ziemlich beängstigend, dass jemand einfach so während wir schlafen Zutritt zu unserem Haus hat.
Eine Woche später sitzen wir im Auto, um in unseren Weihnachtsurlaub nach Daylesford zu fahren; da fällt die Unterhaltung nebenbei auf die Jacke und ganz nebenbei eröffnet mir mein Kind, dass an betreffendem Morgen, fragliche Mädchen ganz regulär an der Tür geklopft hatten und er ihnen ohne Rückfrage die Jacke einfach ausgehändigt hatte.
Super beruhigend, nicht.
Über Weihnachten sind wir mit Freunden in Daylsford, einem kleinen Erholungsort, der bekannt ist für seine natürlichen Mineralquellen und ist daher ein beliebtes Touristenziel für Wellness und Entspannungsurlaube. Daylesford ist auch für seine lebhafte Kunstszene mit zahlreichen Galerien, Ateliers und Kunsthandwerksläden, zahlreichen Gärten und Parks bekannt.
Wofür Daylsford allerdings nicht bekannt ist, sind die großartigen Fahrradrundwege. Das stört S. aber überhaupt gar nicht, als er beschließt über die Feiertage Fahrradausflüge zu den Quellen und dem See zu machen. Hinzu sind wir ja noch guter Dinge, da wir vor lauter Wald das Elend nicht sehen können, und ohne Mountainbikes eh ständig schieben mussten. Auffallen sollen hätte uns die Situation spätestens nach dem Umstand, dass wir ununterbrochen bergab schieben und ruckeln. Aber da war der Elan noch frisch und der Geist noch wohlwollend gestimmt. Nachdem wir angekommen sind, uns an den Quellen erfrischt haben uns an einem kleinen Picknick gestärkt hatten und auf zum See wollten, wird uns die Situation klar. In der prallen-Nachmittagssonne die Steigung auf der Landstraße wieder hoch; nach zehn Minuten hab ich Angst, dass ich einen Hitzeschlag erleiden muss und Wut auf die Welt, und schmeiße mein Fahrrad kurzerhand in den Busch. Das Kind und ich entschieden einstimmig, dass der Vater, der uns die Situation eingebrockt hat, das ganze auch wieder allein auslöffeln soll, und setzten uns schmollend an den Straßenrand. Einen Hügel weiter findet S. dann auch den weiblichen Teil, unseres befreundeten Pärchens, die schon eher losgefahren waren, kurz vor dem Herzinfarkt in derselben Situation wie uns. Keine Errungenschaft für die weibliche Gleichberechtigung, allerdings in ausgleichender Gerechtigkeit kommt, uns S. dann 20 Minuten später im Auto abholen. Zum See nehmen wir das Auto.
Das Weihnachtsessen ist dieses Jahr besonders interessant, für alles gibt es vegane Alternativen, und mein veganer Grünkohl ist so superlecker, dass man sich heute noch Geschichten davon erzählt.
Nur das Kind ist unhappy; wir hatten uns darauf geeinigt, dass die Bescherung am 25. frühmorgens passiert und am 24. nur ein Geschenk aufgemacht wird. Er fand das doof.
Dabei ist es so schön im Sonnenschein auf der Wiese zu sitzen und Weihnachtsgeschenke auszupacken und auszuprobieren. Ich glaube, er ist heimlich nur sauer, weil er keine VR bekommen hat.
Am letzten Tag drücken wir uns dann zum Gold und Edelstein schürfen an kleinen Bächen herum. Meine Freundin ist seit Jahren ein Pro und B. hat zu Weihnachten einen Schürfteller geschenkt bekommen.
Zum Schürfen braucht man eine Genehmigung, die allerdings nur eine Formalität ist, einen Schürfteller eine Schaufel und einen Hut.
Meine Freundin zeigt uns, wo man die besten Stellen im Flussbett findet, um Edelsteine zu suchen und ganz Reddit ist voll mit Foren, die erklären, in welcher Gegend man erfolgreich ist. Um zu schürfen, kratzt man mit der Schaufel an Stellen, an denen sich der Boden sammelt, wie etwa in Kurven oder hinter Felsen. Füllt den Waschteller mit Wasser und gibt das Material hinein.
Man rührt jetzt das Material in der Schale um und lässt es sich setzen, um die wertvollen Steine von anderen Materialien zu trennen. Wenn das Material gerührt wird, fallen die schwereren Materialien wie Sand und Kies auf den Boden des Waschtellers, während das leichtere Material wie Schlamm und Sand weggeschwemmt wird.
Das macht man so lange bis man alle Klumpen gesichtet hat und feststellt, dass man nix mehr in der Pfanne hat, dann fängt man wieder von vorne an. Eine bessere Methode zum Meditieren gibt es gar nicht.
Zurück zu Hause ist es uns zu heiß und zu langweilig, also entscheiden wir spontan am Strand zu campen und gar nix außer Wellen reiten, spazieren gehen und Kaffee trinken zu machen. Das Haus und die Schweine überlassen wir dem großen Sohn unserer Freunde, schmeißen alle Klamotten ins Auto und suchen uns am Strand einen Zeltplatz. Der Sommer passiert überraschenderweise zum Sound von Harry Styles, wer hätte das gedacht …
Wir fahren zu meiner Lieblingsstelle dieses Jahr. Zwischen Barwon und Ocean Grove liegt eine kleine Landzunge, die die beiden Städte verbindet, auf der einen Seite ist der Barwon River, und auf der anderen das Meer. Dazwischen drückt sich ein Zeltplatz rum. Auf der Flussseite ist den halben Tag lang Ebbe und man kann Sandburgen bauen, im ruhigen Wasser baden und Spaziergänge machen, bis zur Ankunft des medizinischen Fachpersonals. Auf der anderen Seite hingegen ist offenes Meer, das Kind kann mit seinem Boogieboard stundenlang auf den Wellen hopsen.
Als wir ankommen, stellen wir fest, dass wir offensichtlich nicht die einzigen sind, die diese Idee haben. Die Zeltplatzleitung hat schon zu und S. verfällt in Panik. Ich kann ihn überreden sich zu beruhigen und wir suchen uns einen wunderschönen Zeltplatz direkt am Fluss, glücklicherweise so weit oben, dass uns nachts nicht die Flut ins Zelt kriecht.
Am zweiten Tag stellen wir fest, dass der Zeltplatz extrem ausgebucht, ist und 50 $ Zeltplatzgebühr pro Nacht, halten wir beide für Ausbeutung. Eine ganze Menge Leute versichern uns allerdings, dass das heutzutage normal ist. Wir wohnen neben einer gut organisierten Großfamilie mit verschiedensten Elternkonstellationen und stellen fest, dass die meisten Zeltplatzbewohner aus der Umgebung kommen und über den Sommer hier zelten, als wäre es ihre Gartenlaube. Die Hälfte der Woche ist die Patchworkfamilie verschwunden, sobald sich das Wochenende naht, füllen sich die meist leer stehenden RVs und Familienzelte um uns und es wird Diskolaut.
Nach ein, zwei Tagen fahre ich noch mal nach Hause, weil meine Mädchengruppe eine verspätete Weihnachts-Neujahrsfeier anberaumt hat, und um dem Sohn unserer Freunde den Kühlschrank mit Eiscreme, Chips und Tütensuppen zu füllen. Als ich das Haus betrete, trifft mich der Schlag. Die Bude ist auf 15 Grad runtergekühlt. Mir wird augenblicklich schlecht als ich ausrechne, wie viel das kostet. Das Kind hat keinen Plan, was es bedeutet, wenn man die Klimaanlage im Haus zu lange und zu stark laufen lässt und versehentlich fette Stromrechnungen produziert, weil man die Konsequenzen nicht einschätzen kann. Er hat ja auch noch nie ’ne Stromrechnung bezahlt, das arme Kind. Meine einzige Hoffnung ist, dass unser Vermieter, der unsere Stromrechnung auch immer nur schätzt, denkt, dass das Airbnb hinter unserem Haus so einen großen Verbrauch hatte, dass er unseren Verbrauch niedriger abrechnet als er eigentlich ist. Was nur fair ist, da ich annehme, dass wir oft genug für das Airbnb mitbezahlen.
Zurück am Strand genießen wir die Wellen und vergessen Stromrechnungen ganz schnell. Leider ist über Silvester auf dem Zeltplatz alles ausgebucht und deshalb fahren wir zur Silvesterparty nach Hause zu Freunden.